Ein Wurf für die Geschichtsbücher: Johannes Vetter hat in Chorzow die zweitbeste Weite aller Zeiten erzielt.
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BerlinIm Internet finden sich zahlreiche Lehrvideos. Videos über den Dreier-, Fünfer- oder Siebener-Rhythmus; aus dem Gehen, mit dynamischem Impuls oder aus der normalen Geschwindigkeit; mit Aufdrehbewegung, mit Speer oder mit Wurf. Irgendwann, am Anfang seiner Karriere, muss sich auch Johannes Vetter die Grundtechniken des Speerwurfs angeschaut haben. Zu seinem Videostudium gehörte sicherlich auch der Weltrekord-Wurf von Jan Zelezny aus dem Jahr 1996. 98,48 Meter hatte der Tscheche damals den Speer in Jena geworfen. Ein Wurf wie aus einem der Lehrvideos. Unerreichbar, weil nahezu perfekt.

Es ist gut möglich, dass die Videosammlung bald um den Vetter-Hechtsprung erweitert wird. Weltmeister ist der 27-jährige Dresdner 2017 mit dieser ihm eigenen Technik schon geworden. Am Sonntag ist er damit weitentechnisch bis auf 72 Zentimeter an Jan Zelezny herangerückt. Auf 97,76 Meter hat Vetter den Speer im polnischen Chorzow geschleudert – die zweitbeste je mit dem neuen Gerät geworfene Weite. „Viele Leute haben daran gezweifelt, dass es möglich ist, in einem geschlossenen Stadion einen Speer über 95 Meter weit zu werfen. Ich habe es geschafft, und ich glaube, es gibt noch viel Raum für Verbesserungen“, sagte Vetter. „Winzige Unterschiede“ könnten schließlich viele Meter ausmachen.

Für den Laien sind diese Unterschiede nicht zu erkennen. Vetters Wurf in Chorzow wirkte ähnlich perfekt, wie der von Jan Zelezny im Jahr 1996, aber eben durch den Hechtsprung beim Abwurf unkonventioneller. Und doch ist dieser Wurf Teil des Systems Vetter. Am Sonntag hatte der Speer nach seinem Anlauf und dem Sprung gerade die Hand verlassen, da rappelte sich der Dresdner auch schon blitzschnell wieder auf, die rechte Faust triumphierend geballt und sich bewusst, dass ihm da ein besonderer Wurf gelungen war. Wenig später steckte sein Speer neben dem Kugelstoßsektor auf der anderen Seite des Stadions im Rasen. „Man spürt es im Körper, wenn man einen guten Wurf erwischt. Dieser Wurf war wirklich nahe an einem perfekten Moment“, sagte Johannes Vetter und ergänzte: „Man spürt die ganze Energie dahinter, vom ganzen Körper – vom rechten Zeh über die Brust bis zu den Händen. Beim Speerwurf braucht man den ganzen Körper und merkt, dass es ein riesiger Wurf war.“

Dem eigenen Körper ging es in den vergangenen zwei Jahren allerdings nicht gut. Auf seine bislang beste Saison aus dem WM-Jahr 2017, als er einen 90-Meter-Wurf nach dem anderen aus dem Handgelenk zauberte und auch den Deutschen Rekord auf 94,44 Meter verbesserte, folgte eine lange Leidenszeit. Immer wieder hatten ihn Verletzungen zurückgeworfen und ließen keine Verbesserungen der eigenen Weiten zu. Ausgerechnet in diesem, durch die Corona-Krise stark beeinträchtigten Wettkampfjahr kann Johannes Vetter zeigen, welches Potenzial weiter in ihm steckt. Und dass er es auf der Anlage in Chorzow offenbar nahezu komplett abrufen kann. Denn: Vetter ist dort ein Wiederholungstäter, er warf den Speer an selber Stelle schon zwei Wochen zuvor zweimal im Wettkampf über 90 Meter.

So, wie auch am Sonntag, als er auf seinen Rekord-Wurf gleich noch einmal eine Weite von 94,84 Meter folgen ließ und auch damit den deutschen Rekord verbessert hätte. Die Tatsache, dass dieser Wurf an diesem Abend eher zu einer Randnotiz wurde, zeigt, wie bedeutsam der Versuch auf 97,76 Meter war. „Das war eine unglaubliche Leistung von Johannes“, sagte Bundestrainer Boris Obergföll, der auch Vetters Heimtrainer ist. Sein Schützling, lobte der Coach, werfe „momentan in seiner eigenen Sphäre“.

Und die ist nur noch 72 Zentimeter vom Weltrekord entfernt. Geht es nach Johannes Vetter, so ist das aber nur ein Teilziel. Insgeheim hoffe er auf den ersten Wurf eines Menschen über die magische 100-Meter-Marke. Uwe Hohn war das 1984 schon einmal gelungen. Seine 104,80 Meter bei einem Wettkampf in Berlin aber wurden noch mit einem „alten“ Speer erzielt. Danach wurde der Schwerpunkt im Wurfgerät nach vorne gelegt und seit April 1986 ausschließlich damit auf Rekordjagd gegangen. Spätestens am Sonntag hat Johannes Vetter gezeigt, dass auch mit diesem Speer Würfe über 100 Meter möglich sein können. Hätte er in Chorzow ähnliche Bedingungen wie Jan Zelezny 1996 in Jena gehabt, „wäre der Speer sicherlich dreistellig geflogen“, sagte Johannes Vetter.

Vielleicht meinen es die Bedingungen in dieser Woche aber schon besser mit ihm. Bei einem Meeting am Dienstagabend in Dessau-Roßlau und beim Istaf am Sonntag in Berlin. Wenn er beide Male wieder lehrbuchmäßig anläuft, beim Abwurf unkonventionell seinen Hechtsprung zu Boden geht und dabei das Gefühl hat, dass ihm wieder einmal ein sehr guter, ein nahezu perfekter Wurf gelungen ist. (mit sid)