Berlin - Am Sonnabend konnten alle Berliner Fußballvereine eine neue Mail in ihrem Posteingangsfach finden. Und bei vielen Fußballchefs war die Überraschung nach dem Anklicken schon nach den ersten zwei Zeilen groß: „Liebe Vorstände der Berliner Fußballvereine, mein Name ist Gaby Papenburg. Ich bewerbe mich bei Ihnen als Kandidatin für das Amt der Präsidentin des Berliner Fußball-Verbands und möchte mich kurz vorstellen“, lasen sie.

In den folgenden Zeilen skizziert sich Gaby Papenburg, die in Zehlendorf wohnt: als fußballbegeisterte Berlinerin, die dem Landesligisten Polar Pinguin beigetreten ist, als jahrelange Fernsehmoderatorin der Bundesliga-Sendung „ran“, als Moderatorin und Businesscoach in den Bereichen Medien, Marketing und Außendarstellung und als Aufsichtsratsmitglied des Handball-Bundesligisten THW Kiel. Dem gehört sie seit etwas mehr als einem Jahr an.

„Ich glaube an die Kraft des Fußballs jenseits der kommerziellen Interessen. An seine soziale und gesellschaftliche Bedeutung zur Entwicklung von Teamgeist, Fairness und anderer wichtiger Werte“, begründet die 60-Jährige ihre Bewerbung. Sie versandte sie genau zwei Tage nachdem Bernd Schultz, der aktuelle Präsident des Berliner Fußball-Verbandes (BFV), mit seiner Kandidatur für den nächsthöheren Präsidentenposten, dem im Nordostdeutschen Fußball-Verband (NOFV), gescheitert war. Seine Bereitschaft zur erneuten Kandidatur als BFV-Präsident hat er bereits verkündet.

Papenburg war die erste Frau, die eine Fußball-Bundesliga-Sendung moderierte, danach auch das „Sat. 1-Frühstücksfernsehen“, „Sat. 1 am Mittag“, „Sat. 1 am Abend“, das Boulevardmagazin „Blitz“ und ein Fernfahrermagazin bei N24. „Die Pandemie hat gerade im Amateursport zu einer Schockstarre geführt“, schreibt Papenburg weiter. „Diese will ich durch eine offensive Vertretung der Interessen der Berliner Vereine mit einem zukunftsfähigen Konzept lösen. Insofern verstehe ich mich eher als Stürmer denn als Verteidiger.“

Die Einberufung eines Verbandstags steht beim BFV für Mittwoch auf dem Programm. In der Diskussion für die Zusammenkunft, die als Präsenzveranstaltung stattfinden soll, steht der Monat Juni oder der Herbst 2021.

Bis auf die Moderation der Zukunftswerkstatt 1 „Verbandsstrukturen“, der AG Zukunft und der Teilnahme an mehreren Regionalkonferenzen hat Papenburg im BFV bislang noch keine Funktion wahrgenommen. Sie hat allerdings, wie viele andere Berliner auch, „den Eindruck gewonnen, dass im BFV mehrheitlich ein großer Wunsch nach Veränderung besteht“.

In Papenburgs Team: Bernd Fiedler und Gerd Thomas

Wie die Veränderung aussehen soll, mit welchem Programm sie ihre Kandidatur unterlegt, wie sie den Berliner Fußball fit für die Zukunft machen will, um dem Verband mit mehr als 170.000 Mitgliedern mehr Gewicht in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu verleihen, will Papenburg mit ihrem Team noch präzisieren „und die Ergebnisse kommunizieren“. Die anstehenden Wahlkämpfe in Land und Bund seien eine gute Gelegenheit, „unsere Positionen für eine bessere Infrastruktur, die finanzielle Förderung der Jugendarbeit und die Anerkennung unserer Leistungen für den Zusammenhalt der Menschen in Berlin bei den politischen Parteien zu platzieren“, schreibt Papenburg.

Ihr Team führt die Moderatorin namentlich auf. In Bernd Fiedler, dem 1. Vorsitzenden des SFC Stern 1900, und Gerd Thomas, dem 1. Vorsitzenden des FC Internationale, gehören die lautesten Kritiker von Schultz dazu. Beide initiierten bereits 2017 die Berliner Fußball-Interessengemeinschaft (BFIG). Tatsächlich bemängeln die Berliner Amateurklubs wie damals auch noch, dass sich die BFV-Spitze viel zu weit von den Amateurvereinen und ihren alltäglichen Problemen entfernt hat, die während der Pandemie noch größer geworden sind.

Um Dinge neu zu ordnen, zu strukturieren, zu professionalisieren, muss eine Führungskraft nicht unbedingt Stallgeruch mitbringen. Und vielleicht ist eine Frau mit einer Ausbildung zum Systemischen Coach auch genau das, was die Eitlen und die Egozentriker an der BFV-Spitze zu einem konstruktiven Miteinander bringen kann – mit einer Art BFV-Familienaufstellung für diejenigen, die immer wieder gern die gute alte Fußballfamilie beschwören. Ob sich Papenburg dabei als Jokerin der Schultz-Opposition oder als ihre Marionette etabliert, werden die kommenden Wochen zeigen.