Sechs Wochen, die gesamte bisherige Vorbereitungszeit auf die neue Erstligasaison, nahm sich Herthas Cheftrainer Jos Luhukay Zeit, um seinen Kapitän zu bestimmen. Bis zuletzt, zwei Tage vor dem Ernstfall, dem DFB-Pokalspiel beim Viertligisten VfR Neumünster (Sonntag, 16 Uhr), hielt der Trainer die Spannung hoch. Erst gestern verkündete der 50-jährige Holländer seine Wahl. Er nominierte nicht den erfahrensten Stammspieler (Peer Kluge), nicht den emotionalsten Profi (Torhüter Thomas Kraft) und auch nicht einen der spielstärksten Akteure (Adrían Ramos oder Ronny). Er vertraut das Amt dem erst 25 Jahre alten Schweizer Fabian Lustenberger an.

Der gehört zu den vielseitigsten Profis im Aufgebot und – man glaubt es kaum – der Lockenkopf ist längst der dienstälteste Profi im 27 Mann starken Aufgebot des Aufsteigers. Im Sommer 2007 holte ihn sein Landsmann Lucien Favre vom FC Luzern nach Berlin. 1,5 Millionen Euro Ablöse wurden fällig. Inzwischen hat Lustenberger 73 Erstligaspiele und 51 Zweitligapartien im Hertha-Trikot absolviert, zwei Ab- und zwei Aufstiege miterlebt.

Die Zukunft im Blick

Luhukay begündete seine Wahl, die gleichzeitig die Amtsenthebung für Peter Niemeyer bedeutet, so: „Fabian hat eine starke Zweitligasaison gespielt, war in der Innenverteidigung ein überragender Profi. Er ist teamfähig und anerkannt. Zuletzt hat er seinen Vertrag in Berlin bis 2016 verlängert und so seine hundertprozentige Identifikation mit dem Verein gezeigt. Das Kapitänsamt ist ein nächster Schritt von ihm zum Führungsspieler.“

Offenbar ist die Entscheidung pro Lustenberger auch eine Entscheidung, die in die Zukunft weist. Der Stellvertreter des Schweizers, Peer Kluge, der 218 Erstligaspiele in seiner Vita stehen hat, ist schon 32 Jahre alt. Er galt eigentlich als prädestiniert für das Amt des Spielführers, sein Wort besitzt großes Gewicht. Aber der eher introvertierte Mittelfeldmann fremdelt mit der oft aufwendigen medialen Seite des Amtes, ist eher für knappe Statements bekannt.

Dennoch ist auffällig, dass Herthas Trainer in Sachen Führungsspieler und damit Kandidaten für das Kapitänsamt, keine große Auswahl blieb. Neben Niemeyer wurden lediglich Kluge, Lustenberger und Torhüter Thomas Kraft genannt. Letzterer schied aus, weil Luhukay Torhüter im Allgemeinen als ungeeignet für das Kapitänsamt hält, weil diese meist zu weit weg vom Spielgeschehen seien.

Lustenberger aber artikulierte gestern eher brav, wie er sein Amt ausfüllen möchte: „Ich will ein Bindeglied zwischen Trainer und Team sein. Persönlich muss ich mich deshalb nicht verändern oder etwa verbiegen. Ich habe mich sehr über das Vertrauen gefreut.“ Ein wenig überrascht aber sei er schon gewesen, gab Lustenberger zu. „Peter Niemeyer hat in der Vorsaison als Kapitän einen Superjob gemacht. Zwischen uns beiden werden keine Konflikte entstehen, wir sind beide Teamplayer.“ Auch Luhukay lobte noch einmal den Antreiber Niemeyer, der allerdings nun nicht nur sein Amt, sondern auch seinen Stammplatz im defensiven Mittelfeld vorerst verloren hat. „Peter war ein vorbildlicher Kapitän“, sagte also der Trainer, „aber die sportliche Situation hat sich verändert. Das gibt es ein Stück Zweifel. Peter war in der Aufstiegssaison gesetzt, jetzt ist er nicht mehr gesetzt.“ Manager Michael Preetz versuchte sich auch mit Anerkennung für den entmachteten Spielführer: „Peter Niemeyer wird weiter ein wichtiger Spieler für uns bleiben.“

Veränderte Hierarchie

Niemeyer muss die jüngste Entwicklung geahnt haben. Im Training spielte er auffällig, auch aggressiv. In der Öffentlichkeit aber hielt er sich mit Äußerungen zurück. Nur auf der Vereins-Homepage gab er ein Interview, in dem er den Teamgedanken als wichtigstes Gut für die anstehende Saison betonte. Niemeyer spürt, dass die vier Zugänge des Sommers die Hierarchie im Team und damit auch die Statik im Spiel verändern werden. Alle Neuen drängen in die Startelf. Die Absetzung Niemeyers als Kapitän ist deshalb eine rein sportliche Entscheidung von Luhukay, sie betrifft in keiner Weise die Integrität des Aufstiegskapitäns oder dessen Qualitäten als emotionaler Anführer. Wie es aber tatsächlich im 29-Jährigen aussieht, der in Berlin endlich zu einer anerkannten Führungskraft aufgestiegen war, weiß niemand genau. Auf die Frage, wie Niemeyer seine Entscheidung aufgenommen habe, sagte Luhukay: „Das sollten Sie ihn fragen.“

Fabian Lustenberger aber wird die Mannschaft am Sonntag im DFB-Pokal in Neumünster anführen. Dort wird Stürmer Pierre-Michel Lasogga fehlen. Der fällt nach einer Trainingsverletzung, einer Teilruptur des Außenbandes, vier bis sechs Wochen aus.