Es war zu Beginn der Saison, als Ingrid Luhukay ein kleines Geheimnis verriet, was aber niemanden im Umfeld von Bundesligist Hertha BSC tatsächlich verwunderte. Also sagte die Frau, mit der Herthas Cheftrainer Jos Luhukay seit mehr als 30 Jahren verheiratet ist, dass ihr Mann im gemeinsamen Sommer-Urlaub in Südfrankreich nur sehr schwer abschalten konnte. Er habe sich sehr viel mit seiner Mannschaft, dem Verein und den kommenden Gegnern beschäftigt. Auch diese Episode zeigt, dass beim 50-jährigen Holländer tatsächlich zutrifft, was viele Trainer gern von sich behaupten: Sie würden sich beinahe 24 Stunden am Tag mit Fußball beschäftigen.

Bei Herthas Cheftrainer ist das Resultat dieser totalen Fokussierung auf den Job nach der Hinrunde dieser Erstligasaison eindrucksvoll zu bewundern. Seine Mannschaft hat sich als Aufsteiger im oberen Drittel der Tabelle eingenistet. Sie konnte jedem Gegner Paroli bieten, auch dem großen FC Bayern in dessen eigener Arena. Nur das Spiel heute bei Borussia Dortmund steht noch aus. Und die Mannschaft zeigte oft attraktiven und mutigen Fußball. Nach kleinen Rückschlägen bewies sie Charakter.

Doch nicht diese sportlichen Meriten allein machen Jos Luhukay aus, der erst vor zwei Wochen zum „Berliner Trainer des Jahres“ gekürt worden war. Den „Berlin-Erzieher“ nannte ihn einst Spiegel-Online und meinte, dass Luhukay dem gesamten Verein Hertha BSC, dem in der Vergangenheit oft Größenwahn nachgesagt wurde, in kurzer Zeit zu Bescheidenheit und Bodenhaftung verholfen habe und dennoch mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet hat. Das eine schließt das andere nicht aus – wie seit dem Amtsantritt des Trainers im Juni 2012 zu besichtigen ist.

Erster Öffentlichkeitsarbeiter

Hertha BSC besitzt nicht nur einen Coach, der in den Übungsstunden im Gegensatz zu einigen seiner Vorgänger mittendrin ist, kritisiert, unterbricht, lobt und viel mit seinen Profis spricht. In Luhukay hat Manager Michael Preetz auch einen Taktikfuchs verpflichtet, der seine Maßnahmen nach außen glaubwürdig erklären und verkaufen kann. Der Holländer mit dem kleinen Schnauzbart, den er seit seinem 15. Lebensjahr trägt und pflegt, ist längst zu Herthas wichtigstem Öffentlichkeitsarbeiter geworden – ohne, dass er sich dabei in den Vordergrund schieben will.

Seine eloquente Art kommt an. Da er mit seiner Präsenz längst zum Gesicht des Vereins geworden ist, sicher auch ein wenig in Ermangelung sogenannter Stars in der Mannschaft, kann Manager Preetz in Ruhe im Hintergrund seiner Arbeit nachgehen. Luhukay hat den nach zwei Abstiegen gescholtenen ehemaligen Stürmer aus dem Fokus der Kritik genommen, fängt selbst bei Rückschlägen, wie dem Aus im DFB-Pokal, die Vorwürfe ab. Auch das Präsidium, früher oft Ort heftiger Debatten, deren Inhalt nach draußen gelangte, kann beinahe geräuschlos arbeiten.

Dass Trainer und Manager gut harmonieren, hat ihre hohe Trefferquote bei den sechs Zugängen gezeigt. Allesamt sind Stützen der Mannschaft, die Jos Luhukay versucht, jeden Tag ein Stück besser zu machen. Für das Image des größten Berliner Kubs hat der Mann aus dem holländischen Venlo schon jetzt mehr getan, als viele aufwendige Werbe-Kampagnen zuvor. Luhukay sagt, er habe noch viel vor in Berlin. Das ist eine sehr beruhigende Aussage – für Hertha und den Fußball der Hauptstadt.