Jos Luhukay wehrt sich: Jubel und Weltuntergang bei Hertha

Am Sonntag ließ Jos Luhukay den Ball links liegen. Und er lief auch nicht wie manchmal üblich ein paar Runden mit seinen Profis um den Übungsplatz. Am Tag nach dem 3:1-Sieg gegen Mainz 05 vor über 40 000 Zuschauern im Olympiastadion hatte der Trainer von Hertha BSC vor allem Redebedarf. Zuerst sprach er zu seiner Mannschaft, die im Halbkreis postiert, andächtig lauschte. Danach kam es mitten auf dem Rasen zum Zwiegespräch mit Klub-Präsident Werner Gegenbauer, der oft Beobachter der Übungsstunden ist. Schließlich war Kapitän Fabian Lustenberger an der Reihe. „In dieser Woche ist viel passiert“, sagte Luhukay, der entspannt wirkte, „es war ein Austausch von Meinungen.“

Der Präsident, so der Trainer, sei sehr bedacht und kontrolliert in der Beurteilung von Situationen. Ob beide auch über seinen emotionalen Ausbruch auf der Pressekonferenz nach dem Duell gegen Mainz gesprochen hatten – Gegenbauer war Augenzeuge in den Katakomben des Olympiastadions – wurde nicht bekannt. Luhukay hatte das überzogene Anspruchsdenken in Berlin heftig angeprangert und auch die Kritik, die er nach seiner erfolglosen personellen Totalrotation im mit 1:3 verlorenem Pokalspiel beim 1. FC Kaiserslautern erfahren musste, deutlich zurückgewiesen.

Doch der Reihe nach. Im Duell gegen Mainz 05 hatte der Trainer alles richtig gemacht. Nach müden ersten 45 Minuten war er – wie einige Spieler berichteten – in der Kabine sehr laut geworden. „Ich habe nicht über Taktik oder Technik gesprochen, sondern an die Gewinnermentalität appelliert“, verriet Luhukay, „ich habe wohl die richtigen Worte gefunden.“

Zudem wechselte er mit Sami Allagui den späteren zweimaligen Torschützen ein und auch seine positionellen Korrekturen innerhalb des Teams waren von Erfolg gekrönt. Einen aktuellen Grund für den heftigen Gefühlsausbruch des sonst so beherrschten Trainers gab es nicht. Die Mannschaft hat nun schon elf Punkte ergattert und sich erst einmal in der oberen Tabellenhälfte festgesetzt, was für einen Aufsteiger nicht selbstverständlich ist.

Als der Trainer aber zuerst nach der schwächeren ersten Halbzeit gegen die Mainzer gefragt wurde, platzte ihm der Kragen. „Warum reden wir über die erste Halbzeit und nicht über die überragende zweite Halbzeit? Da haben wir einen Rückstand aufgeholt und mit viel Power und Dynamik das Spiel gedreht. Wir können nicht jeden Gegner im Vorbeigehen schlagen.“

Weiter Originalton Luhukay im Medienraum: „Ihr tut immer so, als ob es selbstverständlich wäre, dass wir in vier Heimspielen dominant gespielt und drei Mal gewonnen haben.“ Die überzogenen Erwartungshaltungen rund um Hertha passen dem Trainer nicht. Er muss nach dem von viel Lob begleiteten Durchmarsch in der Zweiten Liga nun erfahren, dass schwächere Auftritte in Berlin schnell zur Krise ausgerufen werden. Das scheint überzogen, denn in der Liga zeigt die Mannschaft bislang meist ein positives Gesicht. Sie spielt oft modern, couragiert und kann an guten Tagen auch fußballerisch brillieren – wie beim 6:1 gegen Frankfurt, teils beim 0:1 gegen Stuttgart oder nun in den zweiten 45 Minuten gegen Mainz. „Wir müssen mit Erfolg und Misserfolg umgehen können“, fordert Luhukay, „hier aber war zuletzt – übertrieben gesagt – fast Weltuntergangsstimmung.“ Das schwache Spiel beim 1:1 in Freiburg und die Pokalpleite hatten schnell für diese angespannte Atmosphäre gesorgt.

Luhukay wiederholte deshalb noch einmal das Saisonziel: „Als Aufsteiger geht es um den Klassenerhalt und nicht um die Champions League.“ Als der Trainer kräftig mit der Hand aufs Pult schlug, sagte er erschrocken ins Mikrofon: „Langsam muss ich mich beruhigen.“ Das fiel ihm aber schwer, weil er noch einmal nach dem Pokal-Aus gefragt worden war. „Ich muss mich nicht rechtfertigen“, polterte Luhukay, „ich bin kein Trainer, der ohne Strategie etwas entscheidet.“ Er sei von seiner Elf total überzeugt gewesen. Deshalb nagte die Kritik an ihm. Gestern sagte er mit etwas Abstand zu seinem Auftritt: „Ich wollte mich befreien.“ Das ist dem Holländer auf jeden Fall gelungen.