Obenauf: Saeid Mollaei in einem Bundesliga-Duell für den KSV Esslingen gegen den VfL Sindelfingen.
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Düsseldorf - Saeid Mollaei darf nicht reden, genauer gesagt: Er soll nur einmal reden. Für den Montag kommender Woche ist in Düsseldorf eine Pressekonferenz des Internationalen Judo-Verbandes (IJF) anberaumt, auf der sich der Judoka aus dem Iran erklären soll. Dann tritt er wieder aus dem Lichtkegel der Öffentlichkeit, so ist zumindest der Plan. Zuvor tritt Saeid Mollaei an diesem Sonnabend beim Grand Slam in der Klasse bis 81 Kilogramm an, um seine Form zu testen. Mollaei soll sich auf den Sport konzentrieren. Das ist auch sein eigener Wunsch, nach wie vor, doch das war in den vergangenen Monaten schwer, denn der 28-Jährige hat eine Praxis öffentlich gemacht, die zur Sperre für den iranischen Judo-Verband geführt hat.

Die Geschichte des Judoka Saeid Mollaei aus der iranischen Hauptstadt Teheran ist eine Geschichte von Flucht und Neuorientierung, von Zwängen in der Heimat und Zwängen im Land seiner Zuflucht. Sie begann im vergangenen August, und sie begann mit weltweiten Schlagzeilen.

Nach der Weltmeisterschaften in Japan setzte sich Mollaei nach Deutschland ab. Auslöser war eine Anweisung: Während der Wettkämpfe war der Titelverteidiger nämlich aufgefordert worden, absichtlich zu verlieren, um einem Kampf gegen einen israelischen Sportler aus dem Weg zu gehen. Im Halbfinale, erklärte Mollaei später, habe er schließlich bewusst eine Niederlage herbeigeführt, um im Finale nicht auf den Widersacher aus Israel zu treffen.

Unter Druck gesetzt

Die Staatsdoktrin des Regimes in Teheran schreibt seit der Revolution im Jahr 1979 vor, dass sich iranische Athleten nicht in Wettkämpfen mit Athleten aus Israel messen dürfen. Der Präsident des nationalen Olympischen Komitees hatte Mollaei während der Weltmeisterschaft telefonisch unter Druck gesetzt. Reza Salehi Amiri, das nur nebenbei, war mal Geheimdienstoffizier.

Im Halbfinale leistete Saeid Mollaei den Anweisungen aus der Heimat Folge, getrieben von der Angst, seine Familie im Iran könnte andernfalls Schaden nehmen. In diesem Moment stand für den Judoka der Entschluss fest, seine Heimat zu verlassen. Mollaei floh und erhielt politisches Asyl in Deutschland. Im Iran ist er nicht mehr sicher, seit er die Vorgänge während der Weltmeisterschaft öffentlich gemacht hat.

„Düsseldorf wird die einzige Möglichkeit sein, mit ihm vor den Olympischen Spielen im Sommer zu sprechen, es wird keine weiteren Interviewtermine geben“, heißt es aus der IJF-Zentrale in Budapest. Mollaei wird abgeschottet, um dem Politikum durch mediale Auftritte nicht noch mehr Brisanz zu verleihen.

Die Geschichte des 28-Jährigen wurde zur Chefsache bei der IJF. Nach den Aussagen des Athleten wurde der iranische Judo-Verband international gesperrt, was das Regime in Teheran dazu veranlasste, Druck auf den Sportler auszuüben. Saeid Mollaei lebt seit seiner Flucht in der Nähe von Heidelberg, trainiert am dortigen Olympiastützpunkt sowie bei einem Zweitligisten in Mannheim – und versucht, wieder ein wenig an Normalität zurückzuerlangen.

Der Weg in die Rhein-Neckar-Region war vorgezeichnet, weil seine Freundin hier lebt. Bei ihr und ihren Eltern hat Mollaei Unterschlupf gefunden. Die Situation sei immer wieder auch belastend, insgesamt kommen Mollaei und die Familie aber gut klar, heißt es aus dem Umfeld. Niemand möchte seinen Namen in der Zeitung lesen, niemand möchte eine Angriffsfläche bieten, denn jeder kennt die brisante Lage, in der sich der Judoka befindet.

Rückkehr nach Tokio

Bis zur Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer in Tokio wirkte Mollaei nach außen wie ein Vorzeigesportler des iranischen Regimes. Bei der WM 2018 hatte er die Goldmedaille gewonnen, war Weltranglistenerster, ehe ihm der Umstand zum Verhängnis wurde, dass sein größter Rivale ein Israeli ist. Diese Situation gefährdete die Karriere des Judoka, sodass er das Risiko einging, aus dem Iran zu fliehen. Tokio sollte nicht das Ende sein, denn Tokio war und ist der Sehnsuchtsort für Saeid Mollaei.

„Ich habe mich von der Halle noch nicht verabschiedet. Ich habe mir gesagt, dass ich wiederkomme“, sagte er kurz nach seiner Flucht. Die Olympischen Spiele sind der Lebenstraum des Judoka, für den er einen kuriosen Weg eingeschlagen hat. Künftig startet er für die Mongolei, weil sich die Regierung des ostasiatischen Staats in Ulaanbaatar bereit-erklärte, Saeid Mollaei unbürokratisch einzubürgern. Die Teilnahme am Olympischen Judo-Turnier in Tokio ist ihm durch den Wechsel der Staatsbürgerschaft sicher, ein erfolgreiches Abschneiden nicht.

In den vergangenen Monaten büßte er die Spitze in der Weltrangliste ein, es gab ungewohnt viele Niederlagen bei internationalen Turnieren. Die Situation habe es ihm erschwert, sich auf den Sport zu fokussieren, heißt es aus dem Umfeld von Saeid Mollaei im Rhein-Neckar-Raum. Das ist ein weiterer Grund, warum Mollaei aus der Öffentlichkeit ferngehalten wird.