Jürgen Klinsmann hat via Facebook seinen Rücktritt als Trainer von Hertha BSC verkündet.
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BerlinJürgen Klinsmann ist seit Dienstag 10.08 Uhr nicht mehr Trainer von Hertha BSC. Was so exakt zu fassen ist, weil der 55-Jährige über einen Facebook-Post seine Entscheidung ohne Absprache mit der Klubführung kundgetan hat. Das ist ungewöhnlich, passt aber irgendwie auch in das Bild, das man in den vergangenen Jahren von diesem unangepassten Menschen gewonnen hat. 

Wobei „unangepasst“ in seinem Fall natürlich nicht nur im positiven Sinne verstanden werden darf. Bei ihm kommen einem nämlich auch gleich noch andere Adjektive wie beispielsweise „vermessen“, „seltsam“ oder „machtgierig“ in den Sinn. Klinsmann ist und bleibt ein Außenseiter, einer, der sich nicht um die Regeln anderer beziehungsweise die Regeln einer sozialen Gemeinschaft kümmert.

Am Abend zuvor hatte er sich – ebenfalls via Facebook – ja noch kämpferisch gezeigt. „Wir“, also Hertha BSC und er, „sind insgesamt auf dem richtigen Weg. Wir stehen sechs Zähler vor dem Relegationsplatz und wollen uns Woche für Woche mehr Luft verschaffen“, hatte er da noch gesagt. In seiner letzten Einlassung, mit der seinen Schritt begründete, sprach er zwar auch noch von einem „sehr guten Weg“, von der Überzeugung, dass die Hertha „das Ziel – den Klassenverbleib – schaffen wird“.

Aber an der entscheidenden Stelle kommt zum Ausdruck, dass am Montag bei den Blau-Weißen hinter den Kulissen ein heftiger Streit entbrannt sein muss. Klinsmann schreibt: „Als Cheftrainer benötige ich allerdings für diese Aufgabe, die noch nicht erledigt ist, auch das Vertrauen der handelnden Personen. Gerade im Abstiegskampf sind Einheit, Zusammenhalt und Konzentration auf Wesentliche die wichtigsten Elemente. Sind die nicht garantiert, kann ich mein Potenzial als Trainer nicht ausschöpfen und kann meiner Verantwortung somit auch nicht gerecht werden.“

Klinsmann steht als der "Im-Stich-Lasser" da

Der Verdacht liegt nahe, dass Klinsmann trotz der prekären sportlichen Lage mit der Forderung nach einer Ausweitung seiner Kompetenzen einen Machtkampf im Führungskreis des Bundesligisten angezettelt hat. Hier Klinsmann, der im Verein die Interessen des Investors Lars Windhorst vertritt, dort Manager Michael Preetz und Präsident Werner Gegenbauer, die den ehemaligen Bundestrainer in den vergangenen Wochen hatten gewähren lassen, aber in Absprache mit den anderen Entscheidungsträgern im Klub natürlich darauf achten müssen, dass die Einmischung des Schwaben und damit auch die Einmischung von Windhorst im Sinne des Klubfriedens, aber auch im Sinne eines nachhaltigen sportlichen Aufschwungs nicht zu weit greift.

Jürgen Klinsmanns Abschiedsrede im Wortlaut.

Quelle: Facebook

Für den Moment steht Klinsmann als der „Im-Stich-Lasser“ da, als derjenige, der in der Winterpause für einen hohen zweistelligen Millionenbetrag nach seinen Vorstellungen den Kader der Hertha aufpeppen durfte und diese „seine“ Mannschaft nun ihrem Schicksal überlässt. Andererseits ist seine Entscheidung, sich wieder in die Vereinigten Staaten zurückzuziehen, womöglich die beste, die er jemals für Hertha getroffen hat. Denn in Anbetracht der jüngsten Entwicklung weiß man nicht so recht, was er meint, wenn er von seinem „Potenzial als Cheftrainer“ spricht.

Fakt ist auch, dass er nach diesem bemerkenswerten Vorgang entgegen seiner Überzeugung nicht mehr als Mitglied in dem von Windhorst-Vertrauten dominierten Aufsichtsrat der Hertha BSC GmbH & Co. KgaA fungieren kann. Klinsmann ist bei Hertha BSC Geschichte, nach einer kurzen unrühmlichen Episode als Anti-Held.