Jürgen Klinsmann hat auch im Trainingslager von Hertha BSC viel zu erzählen.
Foto: Jan-Philipp Burmann/City-Press

OrlandoWenn Jürgen Klinsmann über die Entwicklung von Hertha BSC spricht, dann sagt der 55-Jährige, dass es nur „Schritt für Schritt“ gehe. Die Bemerkung klingt allerdings eher, als füge sie der neue Trainer der Berliner in seine Ausführungen ein, weil der massive Umbau des Tabellenzwölften der Bundesliga dann etwas weniger umfassend daherkommt. Denn die Geschwindigkeit, mit der er, seitdem er vor nicht einmal sechs Wochen das Amt des Cheftrainers übernahm, agiert, jagt er eher Sprung für Sprung voran.

Einerseits ist das für die Person Klinsmann nichts Neues. Zwischen 2004 und 2006 verordnete der damalige Teamchef mit Erfolg den Deutschen Fußball-Bund eine Runderneuerung, 2008 hatte er beim FC Bayern als Trainer ähnliche Gedankengänge, und von 2011 bis 2016 plante er die große Revolution beim US-Fußball-Nationalteam, letztlich, wie in München, mit bescheidenem Ertrag. Dennoch ist ihm der Ruf als Erneuerer und Visionär sicher. Zugleich ist das, was Klinsmann in Berlin vorhat, für seinen neuen Arbeitgeber ein Paradigmenwechsel. Hertha galt mit sechs Auf- und Abstiegen lange Zeit eher eine sogenannte Fahrstuhlmannschaft. Seit der erneuten Erstklassigkeit 2013 und vor allem in den vergangenen vier Jahren unter Trainer Pal Dardai etablierte sich der Klub im Mittelfeld der Bundesliga.

Klinsmann bekräftigt seine Ambitionen

Jetzt aber soll es in Windeseile nach oben gehen. Klinsmann, der Hertha bereits als „spannendstes Fußball-Projekt Europas“ bezeichnete, untermauert als vorübergehender Cheftrainer im US-Trainingslager die damit einhergehenden Ambitionen. „Es gibt Maßstäbe“, sagt er, „die automatisch gesetzt werden, die kommen aus der Champions League. Daran orientieren sich alle Trainer weltweit.“ Also auch er. Ohnehin sei er auf einem „relativ neuen Stand“ und kenne die globalen Bewegungen im Fußball. „Ich habe mir in über 40 Jahren ein Netzwerk aufgebaut, das sehr gut ist, mit Trainern überall auf dem Planeten. Ich weiß, was im Ausland und in Deutschland abläuft, wie global die Bewegungen sind, wie sich der Fußball weiterentwickelt hat.“ Dass er mit seinen Aussagen großen Druck auf seinen Nachfolger im Sommer aufbaut und vor allem sein Image als Veränderer befeuert, ist ihm gleich. „Wenn es nicht passt, dann müssen Dinge verändert werden. Denn wenn du so weitermachst wie bisher, bist du jetzt noch Sechzehnter – und steigst ab“, erklärt Klinsmann, der Hertha erst einmal aus akuter Abstiegsgefahr befreit hat.

Dank Klinsmanns Expertise soll Hertha bereits in der nächsten Spielzeit mindestens die Europa League erreichen. Im Jahr darauf ist die Champions League eingeplant. „Ich denke schon, dass man viel bewegen kann innerhalb von drei Jahren. Es gibt Vorbilder“, sagt Klinsmann und verweist unter anderem auf Hoffenheim und Leipzig, „die Dinge umgesetzt haben“. Allerdings brauchten die von SAP-Gründer Dietmar Hopp gesponserten Hoffenheimer nach ihrem Durchmarsch von der Regionalliga in die Bundesliga 2008 zehn Jahre, um in die europäische Königsklasse einzuziehen. Beim Red-Bull-Konstrukt von Dietrich Mateschitz ging es zwar schneller, allerdings auch mit deutlich mehr Geld als mit den bei Hertha von Investor Lars Windhorst bisher investierten 224 Millionen Euro.

Symbolisch ins Bild der neuen blau-weißen Dimensionen passt der Ausflug, den Klinsmann mit seinen Spielern in Florida machte. Sprach der Hertha-Kosmos, wenn es um Boote ging, zuletzt meist über das Gründungschiff, das aufgrund von Sanierungsarbeiten weiter auf seine Fahrgenehmigung wartet, ging es nun vom Hotel in Orlando auf Einladung von Windhorst ins 130 Kilometer entfernte St. Petersburg an die Golfküste Floridas. Dort verweilt Herthas Geldgeber in seiner 70 Meter langen Luxusjacht „Global“ samt Hubschrauberlandeplatz seit zwei Wochen. „Wir haben schön miteinander gegessen, als Hauptgang gab es Steaks mit Gemüse“, berichtete Klinsmann. Windhorst wollte das Team kennenlernen, denn „der Lars ist in den letzten Monaten zu einem echten Fußballfan geworden“.

Das neue Gesicht von Hertha BSC

Dem Geldgeber, der nach seinem Einstieg Hertha zu einem „Big City Club“ formen will, werden Klinsmanns Ambitionen Freude bereiten. Möglicherweise ist dem 43-Jährigen auch ganz recht, dass nicht er, sondern Klinsmann in kürzester Zeit zum Gesicht von Hertha BSC und der Transformation des Klubs geworden ist. Mitunter kann das eine undankbare Aufgabe sein, Veränderungen führen auch zu unangenehmen Personalentscheidungen, aber Klinsmann erträgt diese Last laut eigener Aussage ohne größere Probleme − zumal das Vorgehen alternativlos sei. „Ich habe einen Riesenspaß hier mit allen, stehe voll und ganz hinter der Sache und der Zielsetzung, die jetzt vorgegeben wird“, sagt Klinsmann über Windhorsts Vision. „Ich habe immer gesagt, Berlin und Deutschland haben einen Megaklub verdient. Das ist unsere Hauptstadt. Ich habe in London und Mailand gespielt. Das sind Städte, in denen die Bedeutung der Klubs unglaublich groß ist.“

Ich habe immer gesagt, Berlin und Deutschland haben einen Megaklub verdient. Das ist unsere Hauptstadt. Ich habe in London und Mailand gespielt. Das sind Städte, in denen die Bedeutung der Klubs unglaublich groß ist.

Jürgen Klinsmann

Dabei war das neue Tempo, das Klinsmann vorgibt, zu schnell für Eduard Löwen. Der Mittelfeldspieler, erst im Sommer, also noch vor Windhorst-Klinsmann-Ära, für sieben Millionen Euro aus Nürnberg geholt, zog die Konsequenzen aus der Verpflichtung von Santiago Ascacibar und wechselte auf Leihbasis bis 2021 zum FC Augsburg. „Vielleicht ist er in ein paar Jahren wieder bei Hertha“, sagt Klinsmann. Die Schwaben sicherten sich allerdings eine Kaufoption. Das spricht nicht unbedingt dafür, dass Löwen noch einmal in Berlin aufschlägt. Und falls doch, dann könnte es teuer werden. Aber an Geld mangelt es bei Hertha derzeit ja nicht.