Jürgen Klinsmann und Andreas Köpke auf dem Weg zur Trainingseinheit auf dem Schenkendorffplatz.
Foto: City-Press/Burmann

Berlin -WestendDa war er wieder, der Menschenfänger Klinsmann. Als sich am zurückliegenden Sonntag beim Training nach der 1:2-Niederlage der Hertha gegen Borussia Dortmund ein ligabekannter Youtuber auf den Schenkendorffplatz geschmuggelt hatte, war der schnell des Feldes verwiesen worden. Nun aber kann Marvin Wildhage, der eine ähnliche Aktion schon bei Hannover 96 gestartet hatte, auf ein offizielles Treffen mit Herthas neuem Cheftrainer hoffen. Klinsmann lud Wildhage per Hertha-Video ein.

„Hallo lieber Marvin, ich habe gehört, dass du neulich bei uns vorbeigekommen bist im Training. Und dass du mich gerne kennenlernen wolltest. Hat nicht geklappt“, sagte Klinsmann und ergänzte: „Wenn du das nächste Mal kommst, dann wartet ein Trikot hier auf dich, und dann machen wir vielleicht ein Bildchen miteinander und dann weißt du, was die Spielregeln bei uns sind.“

Es ist das gekonnte Wechselspiel aus Lockerheit und knallharter Arbeit, das den Trainer Klinsmann ausmacht und bei den Berliner Profis viel Anerkennung findet. So sagte etwa Stürmer Davie Selke im Magazin Kicker: „Der Trainer hat uns angesteckt mit seinem Optimismus und damit vor allem auch erreicht. Er überfrachtet unsere Köpfe nicht, aber wir arbeiten sehr intensiv.“ Dennoch: Die Gemengelage bei Hertha BSC, im Moment auf dem Relegationsplatz 16, ist schwierig vor dem ersten Auswärtsspiel unter Klinsmann am Freitagabend bei Eintracht Frankfurt (20.30 Uhr). Teile der Fans  sind frustriert, haben die Spieler nach der Niederlage gegen Dortmund beschimpft und als „Absteiger“ tituliert. Viele schieben vor allem noch immer Frust wegen des schwachen Auftritts beim Derby gegen Union.

Auch für den 55-Jährigen ist die komplizierte Situation, die er in Berlin vorfindet, absolut neu. Der Trainer Klinsmann steckte noch nie im harten Abstiegskampf. Als Coach des FC Bayern in der Saison 2008/09 belegte er stets die Plätze zwei bis vier in der Tabelle und als Trainer der deutschen Nationalmannschaft und später der USA-Auswahl musste er mit ganz anderen Erwartungen und Drucksituationen fertig werden. Klinsmann aber ficht seine Unerfahrenheit im Abstiegskampf nicht an. „Als Spieler“, sagte er, „habe ich Ende der Neunzigerjahre Abstiegsnöte bei Tottenham Hotspurs erlebt. Ich kam damals von Sampdoria Genua nach London und unter dem Schweizer Trainer Christian Gross mussten wir uns hart nach oben arbeiten.“ Tottenham lag auf dem vorletzten Platz und die Aktion des Trainers, Klinsmann zurückzuholen, galt als wichtiger Faktor für den Klassenerhalt. Der Stürmer hatte zuvor 1994/95 schon eine erfolgreichere Zeit bei den Spurs erlebt.

Jetzt aber müsse er als Trainer einer Mannschaft im Tabellenkeller „alles über Arbeit“ regeln. „Ich muss den Spielern Selbstvertrauen geben und Dinge korrigieren. Jeden Tag.“ Für Klinsmann war das 1:2 gegen Dortmund eine „ermutigende Leistung“. Etwas anderes war vom chronischen Optimisten auch nicht zu erwarten. Jetzt sagt er: „Die Jungs ziehen mit. Wir gehen mit breiter Brust ins Spiel.“

Lob für den Gegner

Nach dem Kaltstart gegen Dortmund mit lediglich drei Übungseinheiten davor habe man die Intensität auf dem Platz erhöht und viele kurze Gespräche mit den Profis geführt, „meist auf dem Platz“, so Klinsmann. Er habe die Zeit genutzt, sich mit seinem Stab abzustimmen. Man sei dabei, einen Ist-Zustand über die Stärken und Schwächen der einzelnen Profis zu erarbeiten. „Wo steht jeder?“ Klinsmann will sich bald auch Zeit nehmen, „um bei einem Kaffee“ mit jedem seiner neuen Schützlinge zu sprechen. „Die sollen auch mal selbst die Chance haben zu reden.“

Dost fällt bei der Eintracht aus

Verzichten: Hertha-Gegner Eintracht Frankfurt muss bis zum Jahresende auf Stürmer Bas Dost verzichten. Dies sagte Trainer Adi Hütter. „Er muss aus dem Betrieb raus und in Therapie wegen seiner Leistenverletzung.“
Verbessern: Damit fehlt der Niederländer auch im Spiel gegen Hertha BSC. „Er bekommt immer mehr Schmerzen, deswegen ist das kein Dauerzustand“, sagte Hütter. Es werde alles getan, dass Dost wieder fit wird.
Vertreten: Im Sturm dürften damit die Portugiesen Goncalo Paciencia und André Silva auflaufen. Weitere kurzfristige Ausfälle muss Hütter nicht beklagen. „Ich kann ziemlich aus dem Vollen schöpfen“, sagte der Coach.

Mit Blick auf das Duell bei Eintracht Frankfurt will der Trainer nicht zu viele Änderungen vornehmen. „Die Jungs sollen sich finden, auch ihren Rhythmus aufnehmen. In der Phase bis Weihnachten werden wir ein Gesamtbild haben.“

Jetzt aber sind Punkte gefragt, sonst wird auch grenzenloser Optimismus irgendwann seine Wirkung verfehlen. Als Bayern-Trainer gewann Klinsmann einst sein Auswärtsspiel bei der Eintracht mit 2:1. Zehn Jahre später reist Klinsmann wieder nach Frankfurt. Für Freitagabend sagt er einen harten Fight voraus: „Es wird zur Sache gehen und ein bisschen krachen!“ Manager Michael Preetz lobte auf Nachfrage den Gegner: „Für Eintracht war es ein wichtiger Entwicklungsschritt, vor zwei Jahren hier in Berlin den DFB-Pokal gewonnen zu haben. Und das noch gegen Bayern. Das hat in Frankfurt zu unfassbarer Euphorie geführt.“ Klinsmann stutzte kurz und fragte Richtung Manager: „Wir sind doch noch drin im Pokal, oder?“ Als Preetz lächelnd bejahte, ballte der Trainer die Hände zu Fäusten und sagte: „Na also!“ Typisch Klinsmann.