Jürgen Klinsmann hält auch verbal den Ball hoch - und legt in seiner Kritik an der Führung von Hertha BSC noch einmal kräftig nach.
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BerlinMag sein, dass Jürgen Klinsmann ein Gewinnertyp ist. So wird er ja von vielen immer noch gesehen. Und so sieht er sich offenbar selbst. Mag sein, dass Jürgen Klinsmann auch aus seinem kurzzeitigen Engagement bei Hertha BSC als Gewinner hervorgeht. Beim Größen anzunehmenden Unfall nämlich, dem Abstieg in die Zweite Liga mit 224 Millionen Euro im Rücken. Wenn es so sein sollte, ist der 55 Jahre alte Trainer ein schlechter Gewinner.

Das liegt an seinem Mitteilungsbedürfnis. Jetzt hat er mit der Sport Bild einen rhetorischen Doppelpass vollführt. In einem 22 Seiten starken Dokument hat er dort sein Vierteljahr beim Berliner Fußball-Bundesligisten Revue passieren lassen. Herthas Manager Michael Preetz hat er dabei in den Blick genommen, vor allem ihn. Es gebe eine Lügenkultur, „die auch das Vertrauensverhältnis der Spieler mit Preetz zerstört hat“, lautet Klinsmanns Analyse. Sein Gegenspieler, so muss man es wohl formulieren, habe katastrophale Versäumnisse zu verantworten.

Jürgen Klinsmann vermisst Charisma

Die Vorbereitung auf die Rückrunde sei katastrophal gewesen, lässt Klinsmann weiter wissen. Dafür sei – natürlich – Michael Preetz verantwortlich. Ein Mangel an Charisma attestiert der Schwabe mit Wohnsitz Kalifornien Herthas sportlicher Führungsspitze. Und so weiter und so fort.

Bei der eigenen Arbeit ist Klinsmann ganz der Gewinnertyp, als der er weithin bekannt ist, wobei für manchen Betrachter inzwischen der Zusatz "gewesen" angebracht zu sein scheint. Ohne sein segensreiches Wirken sei die Hertha jedenfalls auf direktem Wege abgestiegen, schon Ende November. Rein rechnerisch, meint Klinsmann vermutlich.

Und Klinsmann wäre nicht Klinsmann, wenn er nicht noch eine Handlungsanweisung parat hätte: „Die Geschäftsleitung muss sofort komplett ausgetauscht werden. Sollte dies nicht passieren, werden auch die tollen Neuzugänge nach einer gewissen Zeit zu ,Durchschnittsspielern‘, weil es die Grundregel auch im Fußball gibt: Du bist nur so gut wie Dein Umfeld.“

Damit hat Klinsmann auch aus seiner Sicht richtig gestellt, warum es bei Hertha nicht läuft: Nicht die Verpflichtungen sind die Ursache, nicht die Trainer. Das Umfeld.

Eine tiefere Analyse lohnt sich

Wie hoch der Wahrheitsgehalt der Analyse Klinsmanns nun wirklich ist, wo die Ursachen der Krise liegen, wurde nach seinem Abgang schon an verschiedenen Stellen erörtert. Und weiter in die Tiefe zu gehen, dürfte sich lohnen, zumindest mit Blick auf das Wohl des Berliner Traditionsklubs und seiner Profisparte. Eine Binnensicht aus verschiedenen Perspektiven, der Spieler, des Trainerstabs, des Managements auf allen Ebenen wäre hilfreich. Eine weitere Grundregel ist nämlich auch im Fußball: Ein Problem hat meist mehrere Ursachen, oft ist es eine Aneinanderreihung von Fehlern, die zum Desaster führt. Mit einer Weltsicht aus Schwarz und Weiß zumindest kommt man den Dingen nicht auf den Grund.

Vermutlich wird eine solche Analyse nicht das Licht der Welt erblicken, weil innere Zwänge eines Profiklubs öffentliche, offene, schonungslose Kritik und Selbstkritik verhindern. Und deshalb gilt im Fußball, was im Leben allgemein gilt: Schlechte Passgeber, die ins Abseits tapern, sich ins Abseits plappern, helfen einer Mannschaft nicht.

Unter Römern hat Jürgen Klinsmann einen seiner größten Erfolge errungen, den WM-Titel 1990 als Spieler. Und mit einer Weisheit der Römer sollte er sich nun endgültig von Hertha BSC verabschieden: Wenn Du geschwiegen hättest, wärst Du ein Philosoph geblieben.