Jürgen Klinsmann wollte nach dem 2:2 in Frankfurt keinen Trübsinn blasen.
City Press

BerlinEs war bis zu diesem Wochenende bestimmt nicht zu behaupten, dass Marko Grujic in dieser Spielzeit eine prägende Figur bei Hertha BSC gewesen ist. Im Gegenteil: Die Leihgabe vom FC Liverpool ging als Symbol für den Berliner Absturz durch, obwohl doch der inzwischen von Jürgen Klinsmann abgelöste Ante Covic im Sommer alles getan hatte, um den serbischen Nationalspieler von einem Wechsel nach Bremen oder Frankfurt abzubringen. Beide Klubs buhlten um das Kraftpaket aus der Mittelfeldzentrale, das der Hauptstadtklub mit einem Kraftakt behalten konnte.

Doch offenbar musste erst der Baumeister des deutschen WM-Sommermärchens 2006 seinen Wohnsitz vorübergehend nach Berlin verlagern, um den hoch veranlagten 23-Jährigen wieder wachzuküssen. Ohne Grujics blitzgescheite Vorlage zum 1:0 von Dodi Lukebakio (30.) und seinen dritten Saisontreffer zum zwischenzeitlichen 2:0 (63.) hätte die Hertha am Freitagabend mit dem 2:2 bei Eintracht Frankfurt kaum den ersten Punkt unter Klinsmanns Regie verbucht. Grujic war wichtigster Widerstandskämpfer mit den meisten Ballaktionen und der größten Präsenz gegen einen überlegenen Gegner, der im Gegensatz zu Klinsmanns Schilderung aber keine Spitzenmannschaft ist, sondern im grauen Mittelfeld geführt wird.

Gewagte These

Auf dem Statistikbogen sprachen 27:8 Torschüsse, 22:4 Flanken, 16:1 Ecken und 58 Prozent Ballbesitz klar für die Hausherren von Adi Hütter, der den offenen Widerspruch zu Klinsmanns These vom „gerechten Remis“ wagte. Der eine Punkt erschien für die Alte Dame eher als Präsent vom Nikolaus, der im düsteren Frankfurter Stadtwald nicht alle Geschenke losgeworden war. Grujic verbuchte den Zähler als „gut fürs Selbstvertrauen“, was mit der Strahlkraft des Strahlemannes auf der Trainerbank zu tun habe: „Er besitzt einen der größten Namen im deutschen Fußball. Ich bin so glücklich, unter ihm zu arbeiten. Wir können so viel von ihm lernen.“ Man müsse vermutlich nur bis Januar warten, bis richtig deutlich werde, was der Projektleiter wirklich bewirke.

„Wir wissen, es geht nur ein Schritt nach dem anderen und ein Tag nach dem anderen“, sagte Klinsmann. Der Berufsoptimist („Es war ein großer Schritt nach vorne“) erlebt nach eigener Aussage einen „spannenden Prozess“ mit. Die Spieler seien „gewillt zuzuhören und die Dinge in schneller Zeit umzusetzen“. Am Samstag nach der Rückreise nach Berlin und dem Auslaufen stellte der 55-Jährige seinen Weihnachtsfahrplan vor: „Ein paar Punkte mehr unterm Baum“ stehen auf seinem Wunschzettel. Dafür werde man weiter „volle Pulle arbeiten“. Vieles bei Klinsmann klingt nach vorgestanzten PR-Slogans, zu denen das immer gleiche Dauergrinsen aufgesetzt wird. „Wenn du unten drin steckst, dann geht es nicht um Schönspielerei und Zauberfußball.“ Tatsächlich hatten seine kampfeslustigen Akteure 56 Prozent der direkten Duelle gewonnen; nur anhand der Zweikampfquote konnte sich die Hertha am Freitag wie ein Sieger fühlen.

Nun warte nächste Woche ein „großes, großes Spiel gegen den SC Freiburg“, sagte Klinsmann. Aber was sind dann die Aufgaben bei Bayer Leverkusen (18.12.) und gegen Borussia Mönchengladbach (21.12.)? Der blonde Erlöser muss  aufpassen, dass er nicht zu viel heiße Luft in den Berliner Ballon bläst. Der Bundesligabetrieb enttarnt recht schnell, wer mehr Schein als Sein anbietet. Und wenn sich „Klinsis“ offenbar angeborene Selbstüberzeugung nicht in der Spielweise widerspiegelt, bekommt auch er ein Problem.

Vorsichtige Grundausrichtung

Auf den Prüfstand gehört die taktische Grundordnung: Auch mit der neuen Außenbahnbesetzung – Lukas Klünter rechts und Marvin Plattenhardt links – agierte Hertha erneut mit einer Fünferkette. Folglich fehlte meist der Zugriff im Mittelfeld. Ein Berliner Wintermärchen entsteht eher nicht, wenn sich der Big-City-Club-Visionär statt mit dem Offensivliebhaber Joachim Löw als taktischem Regisseur an seiner Seite nun vom Defensivdenker Alexander Nouri leiten lässt. Klinsmanns erster Assistent scheiterte letztlich als Chefcoach beim SV Werder im November 2017, weil Nouri mit genau jener vorsichtigen Ausrichtung dem Bremer Team alle offensiven Lösungsmöglichkeiten genommen hatte.

„Wir wollten uns in gewissen Situationen tiefer fallen lassen. Wir werden schon noch variieren“, versprach Klinsmann bei der Systemfrage. Die Formation sei zunächst nur gegen den BVB und die „starke Eintracht“ ausgewählt worden, „wir müssen noch sehen, was für die Mannschaft am besten passt“. Grundsätzlich gehe es aber gar nicht um seine Handschrift: „Ich wünsche mir einfach, dass wir so schnell wie möglich nach oben kommen.“ Immerhin: Am 14. Spieltag ging’s rauf von Platz 16 auf 15.