Jonathan Klinsmann hat, wie es sich für einen in Kalifornien aufgewachsenen Sunnyboy gehört, stets ein breites Lächeln im Gesicht. Und noch breiter wird es, wenn man ihn auf Ende Mai anspricht, dann reist Hertha in die USA. Im Anschluss an die zehntägige PR-Tour will Klinsmann noch etwas Zeit mit der rund eine Autostunde südlich von Los Angeles in Huntington Beach lebenden Familie verbringen. Vielen Freunden hat er auch Bescheid gesagt.

Ob Klinsmann, 21, danach beruflich nach Berlin zurückkehrt, darf jedoch bezweifelt werden. Trainer Pal Dardai hat ein Überangebot auf der Torwartposition. Rune Jarstein, 34, bleibt auch in der kommenden Saison die Nummer eins. Mit seinem erfahrenem Vertreter Thomas Kraft, 30, dessen Vertrag wie Klinsmanns ausläuft, will Manager Michael Preetz grundsätzlich verlängern. Dahinter lauern neben Klinsmann junior. noch einige vielversprechende Talente auf ihre Chance: Dennis Smarsch, 20, Marius Gersbeck, 23, Nils Körber, 22.

Selbst wenn die Zeichen auf Trennung stehen, ist Vater Jürgen Klinsmann trotzdem zufrieden mit der Entwicklung seines Sohnes in den vergangenen 20 Monaten. Er lobt auch Herthas Torwarttrainer: „Zsolt Petry hat einen gigantischen Job gemacht. Ich muss auch Jonathan ein riesen Kompliment machen. Er ist hier zum Mann geworden, hat Deutsch gelernt und fährt durch die Stadt, als sei er hier aufgewachsen.“ Daran habe das Berliner Flair einen großen Anteil. „Die Offenheit und Freiheit haben ihm gutgetan. Englisch und Berliner Schnauze – die Mischung war genau richtig.“ Bis auf das Wetter stecke in Berlin nun mal „jede Menge Kalifornien“.

Italien-Wechsel wichtigster Karriereschritt

Der frühere Bundestrainer sieht im Werdegang seines Sohnes auch Parallelen zu seiner Spielerkarriere. Mit 16 Jahren machte er auf Geheiß seiner Eltern trotz eines Profivertrages bei den Stuttgarter Kickers eine Ausbildung in der väterlichen Bäckerei. Deswegen sagt Klinsmann wohl: Nach zwei Jahren bei Hertha stehe Jonathan „vor dem Gesellenbrief“.

Leicht sei der Schritt nicht gewesen. „Vom College zu einem Bundesligaklub, wo jeden Tag die Ellbogen ausgefahren werden, das ist schon hart“, urteilt Klinsmann. Wie schwierig ein neues soziales Umfeld sein kann, hat er erlebt, als es ihn 1989 vom VfB Stuttgart zu Inter Mailand zog. „Ich hatte in Italien außerhalb des Platzes wahnsinnige Anlaufschwierigkeiten. Da bin ich die ersten zwei Monate ziemlich gegen die Wand gefahren“, erinnert sich Klinsmann an seine erste Auslandsstation. „Das war der wichtigste Schritt meiner Karriere.“

Klinsmann, der mit markanten Aussagen über den Zustand des Deutschen Fußballs in seine neue Rolle als RTL-Experte startete, bemängelt die soziale Entwicklung der Spieler, die zu kurz kommt: „Oft dribbelt ein 18-Jähriger die Welt kaputt und denkt, er sei schon das finale Produkt.“ Dabei könne besonders hinter den Kulissen vieles schieflaufen. Umso wichtiger sei es für Jonathan gewesen, dass er schon zwei Jahre in den USA auf der Uni war. „Das hat ihn geerdet.“

„Er wird in Europa bleiben"

Jonathan Klinsmann kam in dieser Spielzeit elfmal in der Regionalliga zum Einsatz, bei seinem Profidebüt – und dem bisher einzigen Pflichtspiel für die erste Mannschaft – soll es Klick gemacht haben. In der Europa League in der vergangenen Saison hielt er gegen Östersund (1:1) einen Elfmeter. „Das Spiel war eine Erleuchtung für ihn. Er hat gemerkt, dass er mithalten kann.“

Der Meinung ist auch der US-Verband, der Klinsmann im November erstmals zur A-Nationalmannschaft einlud. Bei den Spielen 2022 planen die Amerikaner mit ihm als Nummer eins. Olympia hat in den USA eine enorme Bedeutung. Deswegen macht der Vater keinen Hehl daraus, dass sein Sohn mehr spielen muss, um sich weiterzuentwickeln.

Wo Jonathan Klinsmann diese bekommen soll, ist noch offen. Einen Wechsel zu einem MLS-Klub schließt der Vater aus. Für seinen Meisterbrief „wird er definitiv in Europa bleiben“. Und somit zumindest nicht allzu weit weg von Berlin, California.