Liverpools Trainer Jürgen Klopp musste sich vor der Corona-Pause in der Premier League noch warm anziehen.
Foto: dpa/Byrne

ManchesterWas bisher geschah, war nur das Vorspiel. Erst jetzt geht es richtig los. Das ist die englische Sicht auf die Rückkehr des Fußballs aus dem Corona-Lockdown. „Die Bundesliga hat Spaß gemacht. Man schaut zu, weil sie läuft und man neue Spieler entdecken kann, wie bei einer WM-Vorrunde. Aber hat sie wirklich Leidenschaft entfacht?“, fragte der Guardian gerade, und die Antwort schwang dabei schon mit. Nein, hat sie nicht. Die Leidenschaft kehrt für die Engländer erst in dieser Woche zurück, wenn die Premier League den Spielbetrieb wieder aufnimmt, einen Monat nach der Bundesliga und wenige Tage nach dem Neustart des Fußballs in Spanien und Italien.

Das Vereinigte Königreich ist von der Pandemie schlimmer betroffen als jedes andere Land in Europa, deshalb kommt die reichste Liga der Welt später aus der Zwangspause. Das Programm ist dafür um so üppiger. 92 Partien hat die Premier League bis zum Ende der Saison noch zu absolvieren. Los geht es am Mittwoch mit Aston Villa gegen Sheffield United und Manchester City gegen den FC Arsenal. Danach gibt es in England fast jeden Tag Fußball. Anders als sonst werden alle Spiele übertragen, einige davon sogar im frei empfangbaren Fernsehen. Das ist neu für die Premier League, die seit ihrer Gründung 1992 live ausschließlich im Pay-TV stattfindet.

Am freudigsten sehnen die Fans des FC Liverpool den Re-Start herbei. Der Klub von der Anfield Road liegt mit 25 Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze und braucht nur noch höchstens zwei Siege zur ersten Meisterschaft seit 30 Jahren. Sollte der Ranglisten-Zweite Manchester City gegen Arsenal verlieren, könnte die Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp das ewige Warten auf den Titel sogar schon bei ihrem ersten Auftritt nach der Corona-Pause am Sonntag im Merseyside-Derby beim Nachbarn FC Everton beenden. Vor leeren Rängen, versteht sich. Auch in der Premier League werden auf absehbare Zeit keine Zuschauer zugelassen sein.

Klopp und die unwirkliche Rückkehr auf den Thron

Die speziellen Umstände dieser Zeit werfen einen Schatten auf die nahende Meisterschaft der Reds, darauf weisen vor allem Anhänger der Erzfeinde Manchester United und Manchester City genüßlich hin. Liverpool wird die Rückkehr auf den Thron des englischen Fußballs in unwirklicher, klinisch reiner Atmosphäre feiern müssen, in der Stille eines leeren Stadions. Eine Titelparade wie nach dem Gewinn der Champions League im vergangenen Jahr, als 750.000 Menschen die Straßen der Hafenstadt rot färbten, wird es erstmal nicht geben.

Das ändert allerdings nichts daran, dass Liverpools 19. Titel das Ergebnis einer epochalen sportlichen Leistung ist. Klopps Mannschaft hat in dieser Saison neue Maßstäbe gesetzt. Sie hat den zuletzt zweimaligen Champion Manchester City nicht einfach nur vom Sockel gestoßen, sondern deklassiert und gedemütigt. „Liverpool hat die ganze Saison Social Distancing praktiziert”, schrieb angesichts der 25 Punkte Vorsprung gerade The Athletic, der neue Player im englischen Sportjournalismus.

Aus ihren bisher 29 Spielen gingen die Reds nur zweimal nicht als Sieger hervor. Es gab ein 1:1 bei Manchester United und erst Ende Februar die erste Saison-Niederlage beim 0:3 in Watford. Ansonsten ist Liverpools Premier-League-Saison ein unaufhaltsamer Triumphzug, der in Kürze vollendet werden dürfte, und zwar mit der frühesten (nach verbleibenden Spielen) und zugleich spätesten (Ende Juni/Anfang Juli) Meisterschaft der Geschichte. Außerdem hat Liverpool noch gute Chancen, den 100-Punkte-Rekord zu brechen, den Manchester City vor zwei Jahren aufgestellt hat.

Der Klub von Trainer Pep Guardiola befindet sich beim Re-Start der Liga in einer seltsamen Lage, denn er weiß nicht so recht, wofür er eigentlich noch spielen soll. Die Meisterschaft ist dahin, ein Champions-League-Platz sollte aber sicher sein – wobei auch dieser nach aktuellem Stand wertlos ist. Die Uefa hat die Citizens wegen Tricksereien beim Financial Fairplay bekanntlich für zwei Jahre aus dem internationalen Geschäft ausgeschlossen. Der Klub geht vor dem internationalen Sportgerichtshof Cas gegen die Sperre vor, eine Entscheidung ist für die erste Juli-Hälfte angekündigt.

Sollte der Bann Bestand haben und Manchester City als Meisterschaftszweiter die Europapokal-Teilnahme verwehrt bleiben, würde der Tabellenfünfte der Premier League noch für die Champions League zugelassen werden. Neben Liverpool, Überraschungsteam Leicester City und dem FC Chelsea wäre dann nach gegenwärtiger Lage auch Manchester United für die Königsklasse qualifiziert.

Der Kampf um die internationalen Plätze verspricht in den finalen Wochen der Saison in England die meiste Spannung, weil die Teams eng beieinander sind. Sogar der Tabellenzwölfte Everton darf sich noch leise Hoffnungen auf den Einzug in die Europa League machen. Die Mannschaft von Trainer Carlo Ancelotti möchte am Sonntag im Derby nicht einfach nur Spalier stehen für Liverpools Titel-Kür.