Dortmund - Szenen wie jene nach dem Spiel von Borussia Dortmund bei 1899 Hoffenheim am vorigen Wochenende gab es in den vergangenen Wochen häufiger, wenn Jürgen Klopp seine obligatorischen Gesprächsrunden mit Journalisten abhielt. Ein Reporter hatte nach einer kuriosen Szene gefragt, in der Marco Reus mit einem Schiedsrichter-Assistenten zusammengestoßen war, Klopp erwiderte: „So viel Fußball war hier drin, und dann macht ihr so eine Geschichte. Ist das ein Drecksleben, das tut mir echt leid.“

Das war beleidigend, und es war nicht das erste Mal, dass Klopp in dieser Saison ausfällig wurde. Neulich wies der gefeierte Trainer den ZDF-Reporter Béla Réthy, der sich nach einer strittigen Elfmeterszene erkundigt hatte, zurecht, er solle „nicht so Zeug fragen, und vor allem nicht auf die Art“. Kurz darauf ging es um einen möglichen Zusammenhang zwischen der Dortmunder Spielweise und den vielen Verletzten, was Klopp als „liederlich“ bezeichnete. Und einem Reporter, der ihn auf das schwierige Dreiecksverhältnis Bayern-München-Nationalmannschaft-BVB ansprach, sagte der Fußball-Lehrer: „Ich finde es schade, dass Du immer mehr in diesen Bereich abdriftest, den seriösen Teil, den hast Du abgegeben.“

Klopp, gefeierter Medienstar

Klopp, der gefeierte Medienstar, ist empfindlich geworden in den vergangenen Wochen, in denen der BVB zwar auf gewohnt dramatische Weise das Achtelfinale der Champions League erreichte, in der Bundesliga aber aus den vergangenen fünf Partien nur vier Punkte erspielte und jetzt am Sonnabend Hertha BSC empfängt (15.30 Uhr, Sky). Die WAZ sah sich nach dieser gehäuften Medienschelte zu einem kritischen Kommentar veranlasst: „Wir verstehen. Lorbeerkränze und Weihrauch werden gnädig akzeptiert. Hofberichterstatter sind ausdrücklich willkommen. Schießt aber einmal ein Journalist in die andere Richtung übers Ziel hinaus (was vorkommt), wird die ganze Branche pauschal in den Dreck gezogen.“ Wobei in den genannten Fällen keineswegs übers Ziel hinaus geschossen wurde.

Diplomatischer Feinsinn gehörte noch nie zu Klopps Stärken, das zeigt sich derzeit deutlicher als je zuvor. Der frühere Nationalkeeper Oliver Kahn schrieb diese Woche in seinem Blog, er würde Klopp „aktuell ein wenig mehr Souveränität wünschen, da solche Scharmützel unnötige Energie kosten. Außerdem demonstrieren sie eine gewisse Frustration, die auf die Spieler abfärben kann.“

An guten Tagen trägt das Zusammenspiel Klopps mit den Medien aber immer noch Züge einer kongenialen Partnerschaft: Hier der begnadete Fußballrhetoriker, der nie ins Floskelhafte abdriftet, der inhaltlich fast immer Substanzielles zu sagen hat, und der dazu noch bemerkenswert ehrlich ist für einen prominenten Vertreter einer Branche der Halbwahrheiten. Dort grundsätzlich wohlwollende Berichterstatter, die von Klopp nicht nur guten Fußball, sondern immer auch brauchbare Inhalte geliefert bekommen, statt sich wie sonst oft mit sinnfreien Phrasen begnügen zu müssen.

Klopp ist nämlich nach wie vor ein brillanter Entertainer, seine Fußballrhetorik hat etwas Genialisches, immer wieder fallen ihm wunderbare Sprachbilder ein, häufig garniert er seine Ausführungen mit einem klugen Humor. Es ist kein Wunder, dass der Aufstieg dieses Mannes vom Fußballtrainer am wenig bedeutsamen Fußballstandort Mainz zum beliebten Medien- und Werbehelden nicht am Spielfeldrand so richtig Fahrt aufnahm, sondern als fachlich versierter und überaus unterhaltsamer TV-Experte bei den Länderspiel-übertragungen des ZDF.

Allerdings gab es auch damals schon Momente, in denen zu sehen war, dass Klopp dazu neigt, Leute als Feinde zu betrachten, die nur ihre Arbeit machen. Einmal hat er einen Mitarbeiter des SWR vor laufender Kamera voller Abscheu als „Seuchenvogel“ bezeichnet, nur weil seine Mannschaften in Anwesenheit des Beschimpften mehrfach nicht gewonnen hatten. Und vor gut einem Jahr warf Klopp dem damaligen Münchner Trainer Jupp Heynckes vor, „wie die Chinesen“ vorzugehen und den Dortmunder Fußball zu plagiieren: „Gucken, was die anderen machen, und es dann abkupfern. Mit mehr Geld und anderen Spielern den gleichen Weg einschlagen.“

Eine These, bei der auch schon diese Mischung aus Selbstherrlichkeit und Respektlosigkeit mitschwang, die Journalisten zuletzt häufig zu spüren bekamen. Denn natürlich ist die Entwicklung des modernen Fußballs ein fortwährendes Voneinanderabschauen, das Klopp ebenfalls praktiziert. „Gegner wittert er überall, und wenn er keine findet, schafft er sich selber welche“, hat die Neue Züricher Zeitung beobachtet.

Manchmal wirkt Klopp geradezu, als sei seine Persönlichkeit gespalten, denn in anderen Momenten spricht er freundlich anerkennend von der Arbeit, die die Trainer beim Rekordmeister aus München verrichten. Klopp kann weltmännisch und edel erscheinen, wie ein Meister im würdevollen Umgang mit Niederlagen. Was allerdings immer wieder auftaucht, ist der Eindruck, Dortmunds Trainer trage tief im Inneren ein Gefühl der Verachtung für das feinsinnige Spiel der Pep-Guardiola-Teams, an dem sich ja auch Joachim Löw und Arsène Wenger vom FC Arsenal orientieren.

Schwieriges Verhältnis zu Löw

Über das vom halben Globus bewunderte Spiel des FC Barcelona unter Guardiola hat Klopp sinngemäß gesagt, wenn dieser Fußball in seiner Jugend üblich gewesen wäre, dann hätte er sich für eine Karriere als Tennisspieler entschieden. Anerkennung klingt anders. Vielleicht liegt in diesen grundlegend unterschiedlichen Vorlieben auch ein Grund für das schwierige Verhältnis zu Bundestrainer Löw.

Vor einer Partie gegen den FC Arsenal im Herbst schuf Klopp das Bild seines BVB als Heavy-Metal-Band, die gegen ein klassisches Orchester aus London spielt. Ein Einfall, für den man Klopp so dankbar sein kann wie für die Energie, mit dem der Heavy-Metal-Fußball die Fans ansteckt. Wäre da nur nicht der Bandleader, der mit Monsterfratze an der Außenlinie entlangtobt und Schiedsrichter bedrängt. Oft wurde Klopp vorgeworfen, er mache sich zum negativen Vorbild für Freizeitfußballer, die Taz schrieb: „Hallo, ihr da draußen, könnt ihr mal aufhören, den Mann zu mögen.“

Das ist natürlich zu viel verlangt. Selbst wenn Klopps BVB in der Hinrunde sportlich von anderen Teams übertroffen wurde, bleibt dieser Trainer eine der aufregendsten Figuren der Bundesliga. Das liegt auch an den Reibungspunkten und Konfliktherden, die im Umfeld entstehen. Und die dem perfektionistischen Münchner Fußball fehlen.