Jürgen Klopp.
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LiverpoolNeun Punkte liegt Spitzenreiter FC Liverpool nach dem 3:1 im direkten Duell schon vor Manchester City, acht vor Leicester und Chelsea, die sich im Klassement der Premier League am Titelverteidiger vorbei gedrückt haben. Der Erfolg gegen Pep Guardiolas Mannschaft war der Beweis dafür, dass die Elf von Jürgen Klopp das Zeug dazu hat, in dieser Saison endlich auch das 30 Jahre lange Warten auf die englische Meisterschaft zu beenden. Allerdings sind gerade mal zwölf Spieltage vorbei, es ist noch lange nicht angebracht, schon von einer Entscheidung zu sprechen. Das weiß auch Klopp. „Wir wollen im Mai Erster sein, nicht Anfang November“, sagte er nach dem beeindruckenden Auftritt seines Teams an der Anfield Road.

War das der Tag des Machtwechsels?

The Telegraph

Die Reds kommen nach der Demütigung des Titelverteidigers jedenfalls nicht mehr an der Favoritenrolle im Meisterrennen vorbei. Klopps Mannschaft hatte den Widersacher aus Manchester schon oft geärgert in der Vergangenheit, bei seinen jetzt fünf Besuchen in Anfield kassierte Guardiola vier Niederlagen, im vergangenen Jahr kam er mit einem 0:0 davon. Bisher waren das aber immer nur vorübergehende Ärgernisse gewesen, kleine Makel in einer ansonsten glänzenden Bilanz des Meisters der abgelaufenen beiden Spielzeiten. Dieses 3:1 könnte eine andere Wirkung haben. Es könnte der Moment gewesen sein, an dem der FC Liverpool an Manchester City vorbei gezogen ist und die bestehenden Verhältnisse an der Spitze des englischen Fußballs geändert hat. Oder, wie es der Telegraph formulierte: „Am letzten Spieltag der Saison könnte Liverpool auf einen bitterkalten Nachmittag im November zurückschauen, an dem man Pep Guardiolas Manchester City auseinandernahm. War das der Tag des Machtwechsels?“

Fest steht, dass diese 90 Minuten offenbarten, warum Liverpool elf der ersten zwölf Saisonspiele gewann (dazu kommt ein Remis) und City schon früh den Anschluss zu verlieren droht. Klopps Mannschaft überrannte den Titelverteidiger mit ihren Kontern und kam dank maximaler Effizienz zu drei Treffern durch Fabinho und Mohamed Salah in der ersten Viertelstunde und Sadio Mané kurz nach der Pause.

Manchester City hat Probleme in der Defensive

Die Gäste trugen allerdings zur eigenen Demontage bei. Anders als in den vergangenen beiden Spielzeiten gelingt es City nicht mehr, den Ausfall wichtiger Spieler zu kompensieren. Das betrifft weniger die Offensive, die bekanntlich ohne Leroy Sané auskommen muss, sondern die Abwehr. Sie wirkte ohne ihren verletzten Chef Aymeric Laporte gegen „die beste Mannschaft der Welt“ (Guardiola) so verloren wie Papierschiffchen auf dem Mersey-Fluss. Torwart Claudio Bravo, der den unpässlichen Ederson vertrat, trug zur allgemeinen Verunsicherung bei. Der Mirror riet, bei den Spielen der Himmelblauen künftig in Deckung zu gehen: „Egal, wie ansehnlich sie im Ballbesitz sind – die Verteidigung schaut man sich am besten von hinter dem Sofa an.“

Aus Guardiolas Sicht hatte die Niederlage andere Gründe. Er war sichtlich erzürnt über Schiedsrichter Michael Oliver (und den VAR), weil seiner Mannschaft zwei mögliche Elfmeter vorenthalten worden waren, nachdem Liverpools Verteidiger Trent Alexander-Arnold im eigenen Strafraum zweimal den Ball an die Hand bekommen hatte. In dieser Saison hatte es schon für kleinere Vergehen Strafstoß gegeben. Guardiola tobte an der Seitenlinie, zwischen Wahnsinn und Verzweiflung, und streckte zwei Finger in die Höhe, als Zeichen für die vermeintliche doppelte Ungerechtigkeit. Nach dem Spiel schüttelte er Schiedsrichter Oliver mit so viel Kraft die Hand, dass man befürchten musste, er wollte sie ihm abreißen. „Thank you so much!“, rief der Trainer. Hinterher behauptete er, diesen Dank ernst gemeint zu haben, das rundete seinen bizarren Auftritt ab. Auch Guardiola schien zu spüren, dass Manchester City an diesem rauschenden Nachmittag mehr verloren hatte als nur ein Spiel.