Berlin - Jürgen Röber ist überrascht, als er erfährt, dass er auf der Kandidatenliste der Berliner Champions, die in diesem Jahr unter dem Motto „Die Besten der Besten“ aus den zurückliegenden 41 Jahren nominiert sind, steht. Am kommenden Dienstag werden die Sieger gekürt. „Ach, das ist ja sehr angenehm“, sagt der 66-Jährige am Telefon, „aber, wenn ich nachdenke, ist das ja nicht ganz unlogisch.“

Röber, der im Mai 2020 seine lange und erfolgreiche Karriere als Trainer beendete, spricht von seinem Engagement bei Hertha BSC, das über sechs Jahre anhielt, immer „von meiner schönsten Station als Trainer“. Und das will etwas heißen, denn der ehemalige Bundesliga-Profi (303 Spiele/75 Tore) hat in seiner Vita als Chefcoach oder Sportdirektor insgesamt zehn Stationen in fünf Ländern aufzuweisen: Rot-Weiß Essen, VfB Stuttgart, Hertha BSC, VfL Wolfsburg, Partizan Belgrad, Borussia Dortmund, Saturn Ramenskoje Moskau, Ankaraspor, Osmanlispor und zuletzt Royal Mouscron in Belgien.

Röber: Kult bei den Fans

Mit Abstand am längsten hielt er es bei der Hertha aus, obwohl er auch in Berlin ab und an vor der Entlassung stand. Die Erfolge in dieser Zeit – von Januar 1996 bis Februar 2002 – haben den erfahrenen Coach, der bei den Hertha-Fans längst Kult ist, auf eine Liste etwa mit Box-Trainer-Legende Ulli Wegner oder Mr. Wasserball, Hagen Stamm, geführt. „Es war das Tempo, in der wir einst bei Hertha zu sportlichen Erfolgen kamen, das sicherlich ungewöhnlich war“, sagt Röber. „Angefangen mit 3000 Zuschauern im leeren Olympiastadion in der Zweiten Liga bis zu 75.000 Fans in der Champions League.“

Tatsächlich waren es exakt 8099 Zuschauer, die Röbers Einstand im Februar 1996 bei Hertha erlebten und ein enttäuschendes 2:4 gegen den FC Carl Zeiss Jena sahen. Herthas Treffer erzielten Niko Kovac und Andreas Schmidt. Röber, als Spieler ein robuster Mittelfeldmann mit hartem Schuss, in der Liga bei Werder Bremen, Bayern München und Bayer Leverkusen am Ball, hatte in der Winterpause 1995/96 die Mannschaft von Karsten Heine übernommen und entging am Ende knapp dem Abstieg – Platz 14! Schon ein Jahr später aber klappte es mit dem ersehnten Aufstieg in die 1. Bundesliga. „Ich hatte etwa Michael Preetz von Zweitligaabsteiger Wattenscheid nach Berlin geholt oder zusammen mit meinem Assistenten Bernd Storck den blutjungen Pal Dardai aus Ungarn verpflichtet. Die beiden wurden zu wichtigen Profis.“

Röber erinnert sich: „Als ich nach Berlin kam, hieß es immer: Die schaffen sowieso den Aufstieg nicht. So wie immer.“ Mit harter Arbeit, neuem Personal und finanzieller Unterstützung wurde aus dem Traum endlich Wirklichkeit. „Und schon 1998/99 schafften wir sensationell Platz drei in der Bundesliga und zogen in die Champions League ein“, sagt Röber stolz. „Wir hatten eine starke Truppe beisammen mit vielen Führungsspielern.“

Dennoch wurde auch er nach einigen Niederlagen infrage gestellt. „Das schlimmste Erlebnis in meiner Hertha-Zeit passierte im Oktober 1997. Nach einigen Niederlagen musste ich zum Rapport zum Aufsichtsrat ins Hotel Esplanade. Im Foyer tummelten sich zwei Dutzend Journalisten und für mich war es ein Spießrutenlauf. Ich bekam noch ein Spiel auf Bewährung.“ Hertha siegte mit 3:1 gegen den Karlsruher SC und Röber durfte bleiben. Noch einmal, im April 1998, nach einer 1:3-Niederlage bei 1860 München, stand der Trainer auf der Kippe. Aufsichtsratschef Robert Schwan entließ Röber spontan in der Halbzeitpause via Fernsehen. Doch diese einsame Entscheidung wurde schnell revidiert. Nur ein Jahr später erreichte Hertha die Champions League. Röber, der heute in Korschenbroisch nahe Düsseldorf lebt, schwärmt noch immer von Marcelinho und Alex Alves. Doch der „Größte überhaupt“, so Röber, „war für mich Sebastian Deisler.“

Die sportlich sensationellste Entwicklung unter seiner Ägide aber nahm Michael Preetz. „Den habe ich aus der Zweiten Liga geholt und er war nicht sofort erste Wahl bei mir. ‚Langer, leg dich ins Zeug!‘ habe ich zu ihm gesagt. Der hat dann sehr hart gearbeitet und ich habe ihn auch gefordert. Im Mai 1999 wurde er Torschützenkönig der Bundesliga und stieg sogar zum Nationalspieler auf.“

Jürgen Röber coachte Hertha BSC in 157 Erstligaspielen (70 Siege), 49 Zweitligaduellen (22 Siege) und eben in der Champions League. Spätestens damit hat er sich die Nominierung für die Champions Wahl verdient und kann auf eine Auszeichnung hoffen.