Arbeitet an ihrem Comeback nach der Schwangerschaft: Julia Harting.
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BerlinAm Mittwochvormittag hat Julia Harting im Sportforum Hohenschönhausen Stäbe aus dem Werferhaus geschleudert; 1,5-Kilo-Stangen aus Metall. Die Phase der schweren Würfe hat begonnen. Die Kraftphase ist vorbei – und seit Dienstag ist auch der große Druck nicht mehr da. Als die Verschiebung der Olympischen Sommerspiele in Tokio auf 2021 endlich ausgesprochen war, von Japans Premierminister Shinzo Abe und von Thomas Bach, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, sei sie traurig und zugleich erleichtert gewesen, sagt die Berliner Diskuswerferin: „Der Schwebezustand zuletzt war unerträglich für alle Leistungssportler.“ 

Vor allem für diejenigen, die gar nicht mehr oder nur noch mit halber Kraft trainieren konnten, um den Leistungsverfall aufzuhalten – und das   ausgerechnet ein paar Monate vor Olympia, einem Ereignis, „auf das man sich eigentlich schon sein ganzes Leben vorbereitet hat“, meint Julia Harting.

Robert Harting ergänzt das Coaching

Die Frau von Diskus-Olympiasieger Robert Harting, die 2016 die EM-Silbermedaille gewann, hatte in diesem Mai, ein Jahr nach der Geburt ihrer Zwillinge, ihr Wettkampf-Comeback geplant. Das ist vermutlich erst mal verschoben, wie Olympia in diesem Sommer. Aber: „Alles andere als sich der Weltgesundheit zu stellen und den Austragungszeitraum respektvoll anzupassen, würde das IOC zum Straftäter machen. Denn die Vereinten Nationen haben Gesundheit zu einem Menschenrecht erklärt“, sagt ihr Mann Robert.

Abwarten und beraten: Julia und Robert Harting.
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Die Sommerspiele 2020 waren ihr gemeinsames Ziel, zuletzt hatte Robert Harting, 35, die Aufgabe von Trainer Marko Badura ergänzt und seine Frau gecoacht. Die acht Monate alten Zwillinge waren in den Trainingslagern auf Fuerteventura und in Belek  immer dabei.   Familienbetrieb Harting investierte 20.000 Euro privat für die Olympiavorbereitung, die nach der Schwangerschaft ausführlicher und intensiver sein sollte, also mit mehr Trainingslagern als sie der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) angeboten hatte.

"Was wären wir für Vorbilder gewesen?"

Sie steckten seit vorigem Herbst eine Menge Zeit, Planungen und  Motivation in die Olympiasaison. „Ich musste volles Risiko gehen, um mich zu qualifizieren. Ich habe dafür einen Großteil meiner Ersparnisse aufgebraucht. Mir zuliebe hat Robert darauf verzichtet, beruflich Vollgas zu geben“, sagt Julia Harting, die in wenigen Tagen 30 Jahre alt wird.

Sie sagt, sie wolle nicht jammern. „Jeder ist jetzt ja betroffen. Die Gesundheit geht vor. Es gibt Wichtigeres als Sport, auch wenn es für mich das Schönste ist. Aber was wären wir für Vorbilder in Tokio gewesen?“, fragt sie. „Es wären keine schönen Spiele für niemanden gewesen.“  

Verschiebungen der Leistungsfähigkeit

Deutschlands beste Athleten, die vom Sport leben, müssen sehen, welche Lösungen sie finden, welche ihnen der Deutsche Olympische Sportbund, das Innenministerium bieten. „Die Bundesregierung wird sicher erst die Wirtschaft in Schwung bringen, bevor der Sport drankommt“, sagt Julia Harting. Sie ist durch ihre Stelle bei der Bundespolizei abgesichert und dankbar dafür.

Andere Athleten wie etwa 1.500-Meter-Läufer Timo Benitz, der an der FU Berlin Luft- und Raumfahrttechnik studiert und verletzt aus dem Fördersystem fiel, haben ohne Training, Wettkämpfe und Olympia eine schwierige Zeit vor sich. „Es wird extreme Verschiebungen in der Wirtschaft geben, auch für die Athleten. Das wird auch zu Verschiebungen der Leistungsfähigkeit führen“, glaubt Robert Harting, der seine Diskuskarriere 2018 beendete.

Bach fordert Opfer von allen Beteiligten

Gleichzeitig wirft die Olympia-Absage für diesen Sommer neue Fragen auf: Sind die bisher Qualifizierten weiterhin qualifiziert? Gelten die aktuellen Normen weiter? Wann finden die ausgefallenen Qualifikationsturniere statt? Die Sportwelt denkt und handelt in Vierjahreszyklen.  Etliche Trainerverträge laufen nach Olympia aus. Was machen die Athleten, die nach den Sommerspielen ihre Karriere beenden wollten? Was passiert mit denjenigen, die sich über Sponsoren finanzieren, die nun ihrerseits ums Überleben kämpfen? Die Absage in diesem Sommer sei  „für viele Olympioniken eine Katastrophe“, sagt Robert Harting.

IOC-Präsident Bach ließ wissen: „Diese verschobenen Olympischen Spiele werden Opfer und Kompromisse von allen Beteiligten erfordern.“ So sei etwa derzeit neben anderen Fragen noch unklar, ob es für die 11 000 Athleten und Betreuer sowie die 4 400 Paralympics-Teilnehmer im kommenden Jahr überhaupt ein Athletendorf gebe. Die Zimmer dort sind ab Herbst verkauft und weitervermietet.

Formaufbau für 2021

Julia Harting hat am Nachmittag in Hohenschönhausen weitertrainiert, um der deutschen Spitze wieder nahe zu kommen, eine Form zu erreichen, auf die sie 2021 bauen kann. „Kein Sportler kann es sich leisten, drei Monate nicht zu trainieren“, sagt sie. Robert blieb bei den Zwillingen. Wegen des Coronavirus fallen Julias Eltern derzeit für das Babysitten aus „und Roberts Mama ist Krankenschwester“, sagt Julia Harting. „Sie wird anderswo dringender gebraucht.“