Frankfurt - Was früher Forechecking war, heißt heute Gegenpressing. An solche Begrifflichkeiten hat sich Frank Wormuth, Chefausbilder für Fußballlehrer beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), längst gewöhnt. Zumal der 57-Jährige sie ja selbst benutzt, wenn er vor Trainern spricht.

Doch bei Schlagwörtern wie „Restverteidigung“ oder „andoggen“ kommen dem Leiter der Hennes-Weisweiler-Akademie so seine Zweifel. Gerade die jungen Trainer würden gerne neue Begriffe erfinden, sagte Wormuth kürzlich dem Fachmagazin Kicker, aber der Fußball habe sich dadurch nicht unbedingt verändert: „Wir erklären ihnen, dass der Fußball einfacher ist, als sie denken.“

Unlängst verglich er sogar das Taktikgerede mit einer Vernissage, „wo dann Menschen ergriffen vor einer Leinwand mit Farbklecksen stehen, sich fragen, was ihnen der Maler sagen wollte und anschließend irrsinnig viel Geld dafür bezahlen. Was uns der Maler sagen wollte? Nichts.“

Sind also Scharlatane und Wichtigtuer an der Seitenlinie unterwegs? Mehr Schein als Sein auf den Trainerbänken der Bundesliga, die am Freitag schon wieder ihre Pforten öffnet? Gewiss nicht, aber es muss ein Alarmzeichen sein, wenn der mittlerweile mit Interviews zurückhaltend gewordene Trainer-Ausbilder sich pünktlich vor dem Rückrundenstart zu Wort meldet, um den Hype über die nächste Trainergeneration einzubremsen.

Zuletzt rückte Florian Kohr in den erlauchten Kreis

Deren Protagonisten sind Domenico Tedesco, 32, Julian Nagelsmann, 30, Manuel Baum, 38, Hannes Wolf, 36, und zuletzt auch Florian Kohfeldt, 35, die jeder für sich Beachtliches erreicht haben. Tedesco, gefragter Interviewpartner für den Jahreswechsel, gab in nur einer Halbserie dem FC Schalke 04 das alte Selbstverständnis zurück, Nagelsmann, Trainer des Jahres 2016, vermittelte in knapp zwei Jahren der TSG Hoffenheim wieder eine Identität.

Baum, früher Nachwuchskoordinator beim FC Augsburg, führte seinen Klub in die Nähe der Europapokalplätze; Wolf, einst Jugendcoach bei Borussia Dortmund, den VfB Stuttgart zurück in die Bundesliga und Kohfeldt, Lehrgangsbester 2015, machte den SV Werder im Schnelldurchgang wieder konkurrenzfähig.

Alle gelten als Prototypen der Erneuerung. Berufen ohne Vorlauf im Profibereich, mitunter direkt aus dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum oder der U23. Und da die Manager, Sportdirektoren und Geschäftsführer der Vereine naturgemäß einen engen Draht in diese Bereiche pflegen, wussten sie eben sehr genau, was diese Trainer können – so erklärt Wormuth den Trend zur hauseigenen, jungen Lösung.

Die Ü50-Generation hat es schwer. Thomas Schaaf, 56, ist schon froh, wenn er bald als Technischer Direktor eine Art Supervisor für junge Nachwuchstrainer in Bremen geben darf. Armin Veh, 56, war hocherfreut, dass der 1. FC Köln sich auf seine Erfahrung besann, um ihn als Sportdirektor anzustellen. Um Bruno Labbadia, 51, Mirko Slomka, 50, nach seinem unrühmlichen Gastspiel in Karlsruhe und selbst den kürzlich in China freigestellten Felix Magath, 64, ist es verdächtig still geworden. Und Allzweckwaffe Peter Neururer, 62, war ohnehin zuletzt höchstens noch gefragt beim Fernsehstammtisch.

Teams schwächeln im Europacup

Doch hat die Verjüngung die Liga wirklich weitergebracht? In den Europokalwettbewerben gewiss nicht. Hoffenheim zahlte in Champions-League-Qualifikation und Europa-League-Gruppenphase mit seinem wechselweise für künftige Engagements mit dem FC Bayern München und Borussia Dortmund in Verbindung gebrachten Trainertalent kräftig Lehrgeld.

Erstaunlich, wie offen Ralph Hasenhüttl, 50, bei RB Leipzig seine Erfahrungslücken auf diesem Gebiet ansprach. Er sei deshalb noch kein Trainer für die Bayern, bekannte der Österreicher, weil ihm der Erfahrungsschatz aus der Königsklasse fehle.

Mag der Chefkritiker Mehmet Scholl bei seinem Rundumschlag vor einem Monat („die Tedescos, die Wolfs − sie sprießen aus dem Boden, und der deutsche Fußball wird sein blaues Wunder erleben“) übertrieben und sich einen berechtigten Rüffel vom Bund Deutscher Fußballlehrer (BDFL) eingefangen haben, so lag Scholl mit seiner Stoßrichtung nicht völlig falsch. Denn es bedarf internationaler Erfolge, um an ein Standing zu gelangen, das im Ausland beispielsweise Bundestrainer Joachim Löw, Jürgen Klopp oder Jupp Heynckes genießen.

Grundtugenden der Menschenführung

Letzterer hielt nach der Berufung aus dem Ruhestand im Grunde allen jüngeren Kollegen den Spiegel vor, wie wichtig Grundtugenden wie Menschenführung sind. Der 72-Jährige hat keine taktische Neuerung gebraucht, um die Bayern schnell wieder in die Spur zu setzen. Im Gegenteil: Einfachste Handgriffe und die Rückbesinnung auf ein vor fünf Jahren bewährtes Spielsystem haben genügt, um die Münchner wieder vom Rest der Liga zu entfernen.

Was ist nun für die Rückrunde an Impulsen von außen zu erwarten? Besserer Fußball wohl nur bedingt, da sich in der zweiten Tabellenhälfte wieder ein Hauen und Stechen um den Klassenerhalt ankündigt, bei dem der Zweck alle Mittel heiligt. In der Hinrunde bot die Bundesliga ziemlich viel zähe Kost, da eine Vielzahl von Mannschaften nur auf schnelles Umschalten und lange Bälle als Stilmittel setzten. Wormuth nahm die Verantwortlichen dafür aber sogar in Schutz. „Man muss als Trainer in der Bundesliga, wo man nach drei verlorenen Spielen gleich hinterfragt wird, vor allem ergebnisorientiert und effektiv spielen.“