Hannover - Es waren viele Menschen mit Anzug und Krawatte ins Alte Rathaus in Hannover gekommen, doch einer der Hauptdarsteller des Abends trug schwarze Turnschuhe und Jeans und knöpfte jetzt seinen Kapuzenpullover zu für eine Zigarettenpause an der frischen Luft. Auf der Brust des Pullovers, das nur als Detail, war das Logo des Kreuzberger Klubs FSV Hansa 07 zu sehen. Der Mann in dem Pullover war Christian Rudolph, 33 Jahre alt, er ist der Kopf des Bündnisses „Fußballfans gegen Homophobie“ und hatte mit seiner Gruppe gerade eine Urkunde bei der Verleihung des Julius-Hirsch-Preises entgegengenommen.

Mit diesem Preis würdigt der Deutsche Fußball-Bund in jedem Jahr Gruppen, die sich gegen verschiedene Formen der Ausgrenzung im Fußball stark machen. Der erste Platz ging an den Fanladen des FC St. Pauli, der veranlasst hatte, dass die Profis des Klubs im Februar zum Zweitliga-Spiel gegen Leipzig nicht mit dem Logo des Hauptsponsors auf dem Trikot aufgelaufen waren, sondern mit dem Spruch „Kein Fußball den Faschisten“. Rudolph und seine Leute wurden Zweiter.

Fußballfans gegen Homophobie, das ist eine Gruppe, die sich 2011 im Umfeld von Tennis Borussia Berlin gründete und seitdem mit ihrer Botschaft in den Stadien Deutschlands und auch international unterwegs ist. Die Botschaft steht auf einem pinkfarbenen Banner, auf dem zwei sich küssende Männer und zwei sich küssende Frauen zu sehen sind. Bei Bundesliga-Spielen war das Banner schon zu sehen, bei Spielen der Zweiten und Dritten Liga, auf Amateur-Plätzen, im europäischen Ausland, in Mexiko und in den USA, bei den Portland Timbers. In der vergangenen Woche hat die Gruppe in Berlin eine mehrtägige internationale Konferenz zu Homophobie im Fußball mitorganisiert. Es liegen intensive Tage hinter Christian Rudolph und seinen Kollegen.

Stete Besserung

Er weiß, dass Schwule und Lesben in deutschen Stadien immer noch Ablehnung erfahren, und dass Homophobie längst nicht im gleichen Maße geächtet ist wie Rassismus oder Antisemitismus. Doch er ist der Meinung, dass seine Gruppe ein Stück weit Pionierarbeit leistet und so zu einer steten Besserung beiträgt. „Wir haben es geschafft, dass sich Fußballfans überhaupt mit dem Thema befassen“, sagt er, und dass die Initiative jetzt vom DFB einen Preis bekommen hat, lässt sich als Zeichen dafür deuten, dass auch der Verband dem Kampf gegen Homophobie mittlerweile einen höheren Wert beimisst.

Rudolphs Meinung nach könnte er noch mehr tun. „Ich würde mir wünschen, dass es der DFB nicht bei Kampagnen belässt, sondern Trainer, Manager und Betreuer entsprechend schult“, sagt er, und er wägt seine Worte sorgsam ab. Er will seine Kritik anbringen, aber er sieht auch, dass beim DFB eine Wandlung im Gang ist. Trotzdem wirkt es immer noch besonders, wenn Steffi Jones, die Trainerin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft, bei der Verleihung des Hirsch-Preises ganz selbstverständlich erzählt, dass sie ja selbst mit einer Frau zusammenlebe und wahnsinnig glücklich sei.