Julius Kades Augen funkeln. Der 20 Jahre alte Neuzugang des 1. FC Union blickt bei seinem ersten offiziellen Pressetermin an der Alten Försterei so selbstbewusst in die Runde, als sei ihm gerade der Preis für Europas Nachwuchsspieler des Jahres verliehen worden. Dabei erlebte der offensive Mittelfeldspieler eine Saison zum Vergessen. Der Wechsel zum Aufsteiger ist sein Neustart.

Seitdem er acht Jahre alt war, spielte Kade für den Nachwuchs von Hertha BSC, den Verein, zu dem ihn sein Vater als Kind immer mitnahm. Oft frierend saßen sie dann im zugigen Olympiastadion und sahen die Hertha-Profis kicken, in deren Fußstapfen Kade später treten wollte: Marco Pantelic, Gojko Kacar, Raffael und auch Pal Dardai, der dem jungen Offensivspieler als sein Trainer eine „Gier“ attestierte, die ihn für jeden zum „unangenehmen Gegenspieler“ machen könne.

Vermeintlicher Rückschritt

Und doch sitzt Kade nur im Stadion An der Alten Försterei in Köpenick und muss sich fragen lassen, was ein einstiges Hertha-Juwel, aufgewachsen im Stadtteil Kladow, wo man ohnehin nur Hertha-Fan werden kann, plötzlich hierher getrieben hat.
Die Rivalität der beiden Berliner Klubs bringt Kade so gar nicht aus der Fassung. Es seien die Gespräche mit Unions Sportchef Oliver Ruhnert und Trainer Urs Fischer gewesen, die ihn nach Köpenick geführt haben, erklärt er. Und die Fans. Und er betont: „Union hat sich in jeglicher Hinsicht in den vergangenen Jahren extrem weiterentwickelt. Für einen jungen Spieler ist der Verein mittlerweile eine wirklich gute Adresse, um den Durchbruch bei den Profis zu schaffen.“ Das bewiesen zuletzt Spieler wie Marvin Friedrich und Grischa Prömel in der Zweiten Bundesliga. Und eigentlich war der Plan, dass auch Kade den vermeintlichen Rückschritt über das deutsche Unterhaus nimmt.

Wobei man beinahe sagen könnte: nehmen muss. Im Oktober 2018, nur wenige Wochen nach dem beeindruckenden Lob von Herthas altem Chefcoach Dardai, brach sich Kade in einem Regionalligaspiel mit Herthas U23 gegen Germania Halberstadt den Knöchel und das Sprunggelenk, riss sich dabei zudem das Syndesmoseband. Der Youngster kämpfte sich in nur einem halben Jahr zurück auf den Fußballplatz, jedoch nicht zurück in den Fokus von Herthas Bundesligamannschaft, die zu diesem Zeitpunkt eigentlich jede Verstärkung notwendig gehabt hätte. Viel schlimmer noch: Auch in der U23, die zu diesem Zeitpunkt noch um den Aufstieg in die Dritte Liga kickte, spielte Kade plötzlich keine Rolle mehr. Keine leichte Situation für einen jungen Kreativkicker, der sich gerade erst von einer schweren Verletzung erholt hatte. Es wuchs der Wunsch nach einer ganz neuen Herausforderung. Es brauchte den Neuanfang nach beinahe zwölf Jahren bei Hertha.

Vorfreude aufs Derby

Da schlug Union zu. Oliver Ruhnert konnte ob des „immensen Potenzials“ des Mittelfeldspielers kaum an sich halten vor Freude über den Transfercoup. Auf Charlottenburger Seite waren die Reaktionen verhaltener. „Ich wusste schon, dass das wahrscheinlich einige bei Hertha scheiße finden“, formulierte es Kade unverblümt, den die Reaktionen allerdings erst Ende Mai trafen, obwohl der Wechsel bereits im Frühjahr festgezurrt wurde. Damals spielte Union zwar um den Aufstieg, schwächelte allerdings im Endspurt, sodass Kade erst einmal für Liga zwei plante. „Ich wäre auch in der Zweiten Liga zu Union gegangen, das stand fest. Dass es aber nun die Bundesliga ist, ist natürlich richtig geil.“

Hier will er nun mit seiner Torgefahr und seiner Kreativität helfen, den Klassenerhalt zu sichern. Und die Derbys gegen Hertha zu gewinnen. „Da werde ich 300 Prozent reinwerfen, damit wir gegen Hertha gewinnen“, sagt er kämpferisch. Und wieder funkeln seine Augen.