Mainz - Der hartnäckige Reporter wollte es einfach nicht wahrhaben. Gleich dreimal fragte er nach. Wie Serge Gnabry denn künftig seine Rolle in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sehe, wollte der Sportjournalist wissen. „Das müssen sie den Bundestrainer fragen“, antwortete der Profi des FC Bayern München. „Deshalb frage ich ja, wie du es selbst siehst“, erwiderte der Reporter. „Das ist hier kein Wunschkonzert, denke ich“, entgegnete Gnabry augenzwinkernd. „Aber man kann ja mal was hinterlegen“, versuchte es der Fragesteller ein weiteres Mal, um dann endgültig abgewiegelt zu werden: „Ich habe nichts zu hinterlegen“, sagte Gnabry und grinste. Dann akzeptierte der Reporter, dass ein erneutes Nachfragen bei Gnabry „ziemlich aussichtslos“ sei.

Bayern-Boss Hoeneß von Gnabry begeistert

Auch im dritten EM-Qualifikationsspiel in Mainz gegen Estland (20.45 Uhr/RTL) will Serge Gnabry lieber Taten statt Worte sprechen lassen. Damit ist er in der sich zu Ende neigenden Spielzeit ganz gut gefahren. So gut, dass er sogar seinen Vereinspräsidenten zum Staunen brachte. „Wir dachten, na ja, den holen wir jetzt einmal zurück, und dann schauen wir, ob er hin und wieder spielt“, verriet Uli Hoeneß, 67, kürzlich im „Kicker“. Jetzt sei Gnabry aber Stammspieler, mache sehr viel Spaß und sei „die größte Überraschung in dieser Saison – und zwar in positiver Hinsicht“.

Gnabry gelang vor kurzem das Kunststück, mit nun drei verschiedenen Vereinen in drei aufeinanderfolgenden Bundesliga-Spielzeiten zweistellig zu treffen. Das schafften vorher nur Erwin Kostedde (1974-77) und Jürgen Wegmann (1985-88). Der gebürtige Stuttgarter schoss 2016/17 für Werder Bremen elf Tore und traf 2017/18 als Leihspieler in Hoffenheim und jetzt beim FC Bayern je zehnmal. Nach Robert Lewandowski (22 Tore) war der 23-Jährige damit der zweitbeste Bundesliga-Torschütze beim Rekordmeister.

42 Pflichtspiele bestritt Gnabry in der Saison 2018/2019 für die Münchner, erzielte dabei 20 Tore und gab neun Vorlagen. „Ich bin sehr happy, dass ich in meinem ersten Jahr das Vertrauen bekommen und so viel gespielt habe“, sagt Gnabry, der künftig auch bei der Nationalmannschaft eine bedeutende Rolle spielen soll. Assistenztrainer Marcus Sorg, 52, der den fehlenden Bundestrainer Joachim Löw, 59, erneut vertreten wird, sagt über den Offensivakteur: „Serge ist ein variabler, sehr spezieller Spieler und deshalb auch fest eingeplant. Er hat das Potenzial, ein fester Bestandteil hier bei uns zu werden.“

Gegen Estland darf Gnabry wieder von Beginn an ran

In der ausverkauften Mainzer Arena wird der Sohn eines Ivorers und einer Schwäbin heute Abend gegen den Weltranglisten-96. wohl wieder von Beginn an auflaufen. Wie auch schon beim 2:0 in Weißrussland werden Löw und Sorg auf ihn sowie Leroy Sané und Marco Reus im Sturm setzen. Große Veränderungen sind ohnehin nicht zu erwarten. So wird auch Manuel Neuer wieder im Tor stehen. „Es wird mit Sicherheit keine große Rotation geben“, erzählt Sorg. „Wir sind im Umbruch und brauchen eine gewisse Stabilität in der Mannschaft und den Abläufen.“

Zwölf Monate nach dem Debakel bei der WM in Russland erntet die junge, neu formierte Nationalelf um Serge Gnabry und Co. (14 Spieler sind 25 Jahre oder jünger) übrigens wieder mehr Zuspruch. Die Stimmung gegenüber der Mannschaft scheint sich gedreht zu haben, der Empfang für das Team war groß. Die Entwicklung, so Gnabry, sei sehr positiv. Man sei dieses Jahr deutlich besser dran als zuvor. „Der Sieg in Holland, die drei Punkte gegen Weißrussland – den Weg wollen wir weitergehen und mit der Begeisterung der Fans so erfolgreich wie möglich zurückkommen.“ Dabei will er helfen. Und zwar ohne große Worte.