In Singapur startet die Formel heute (14.10 Uhr/RTL und Sky) zu ihrem Nachtrennen. Der Große Preis auf dem Marina Bay Street Circuit wird auch diesmal spektakuläre Szenen bieten. Denn eine junge Piloten-Generation lotet ihre Grenzen aus.

Das Limit in der Formel 1 ist eine gedachte Grenze. Bei der Spitzengeschwindigkeit, dem letztmöglichen Bremspunkt, den Zweikämpfen. So oft, so eng, so wild wie in dieser Saison sind die Rennfahrer schon lange nicht mehr aneinandergeraten. Die Duelle zwischen Weltmeister Lewis Hamilton und Aufsteiger Charles Leclerc in Monza waren zum Teil über das Limit hinaus. Auch hier ist die Linie nur gedacht. In Singapur an diesem Wochenende geht es auch darum, ob und wie schmutzig das Überholen in der Königsklasse geworden ist.

Leclerc und die fiesen Finten

Die Gangart ist härter geworden, das musste Hamilton feststellen, als Leclerc den Ferrari-Sieg in Italien mit allen sauberen und auch ein paar unsauberen Finten verteidigte. Selbst die schwarz-weiße Flagge, die der Gelben Karte im Fußball entspricht, haben den Monegassen nicht bremsen können. Der 21-Jährige kam durch mit umstrittenen Abwehrmanövern und dem Abkürzen einer Schikane, vielleicht auch, weil die Kommissare die Party in Monza nicht crashen wollten.

Leclerc gibt einen Trend vor: Gefahren wird so hart es geht, so lange man damit durchkommt. „Es gibt Berührungen und es gibt wirklich schmutziges Fahren“, sagt der Australier Daniel Ricciardo, „manchmal ist es eben ein bisschen eng, und gelegentlich geht auch das Temperament mit uns durch.“

Unter dem neuen Renndirektor Michael Masi wird mehr Großzügigkeit gewährt wird. Was auf der Piste polarisiert bringt, die Formel 1 richtig ins Gespräch. „Bestes Kino„ befindet der britische TV-Kommentator Martin Brundle, der in der Lauda-Piquet-Senna-Prost-Schumacher-Hill-Villeneuve-Ära selbst fuhr. Im Zusammenspiel mit den bewusst nachlassenden Reifen ergibt sich so besonders gegen Rennende eine so hohe Spannung, bei der sogar die Mercedes-Dominanz ins Wackeln oder sogar in Vergessenheit gerät.

Kommt es beim Ritt durch die Äquator-Nacht in Singapur zur Retourkutsche? Hamilton kühl: „Ich bin für hartes Racing. Zwischen uns ist alles gut.“ Leclerc meint: „Vielleicht wird Lewis nun auch ein bisschen aggressiver sein, aber vielleicht ist hier nicht unbedingt die beste Strecke, um das zu tun.“Gemeint sind die Betonmauern des Straßenkurses. Er versuche nur, bis an die Grenze des Erlaubten zu gehen.

Leclerc machte mal ein Rückzieher im Duell mit Verstappen und verschenkte so den Sieg in Österreich. Daraus lernte er. Es geht vor allem um das Zucken in der Bremszone, mit dem der Angreifer abgehalten werden soll. Diese Taktik trug Verstappen den Ruf als Renn-Rüpel ein.

Alle Fahrer hatten sich nach dem Rennen in Kanada, als Sebastian Vettel seinen ersten Platz wegen gefährlicher Fahrweise verlor, eine großzügigere Regelauslegung gewünscht. Seither läuft ein Experiment: „Solange wir ein gewisses Maß an Respekt behalten, ist es in Ordnung“, befindet Daniel Ricciardo. Das ist sehr subjektiv und führt zu weiteren Auseinandersetzungen.

„Wenn hartes Rennfahren für alle klar ist, und wir alle gleich behandelt werden, dann gerne“, sagt Hamilton: „Es sieht so aus, als ob die neue Generation mit solchen Manövern eher davon kommt als die erfahreneren Piloten. Aber es ist gut, das zu wissen. Ein paar Dinge haben mich überrascht in Monza. Aber ich habe etwas über Leclercs Charakter als Rennfarer gelernt... ich freue mich schon auf den nächsten Zweikampf.“

Ecclestone hat Spaß

Doch wo fängt der strafbare Bereich an? Es ist eine Grauzone, eingefärbt durch das ständig wechselnde Schnellgericht vor Ort. Die Diskussionen werden weitergehen, so viel ist schon klar. Mercedes-Sportchef Toto Wolff rechnet mit weiter zunehmenden Berührungen, bis es zu einer großen Kollision kommt: „Dann müssen wir uns fragen, ob wir wieder einen Schritt zurück machen müssen. Das ist ja üblich so. Bis dahin lassen wir die Fahrer kämpfen.“

Ausnahmsweise findet auch der ehemalige Zampano Bernie Ecclestone freundliche Woche für die aktuellen Geschehnisse: „Die letzten Rennen waren so, wie die Formel 1 sein sollte. Wenn es so bleibt, dann sehe ich auch kein Problem damit, dass sie wieder so populär wird, wie sie früher einmal war.“ Ecclestones Lösung: „Je weniger Strafen, desto besser die Rennen. Strafen sollten nur dafür da sein, wenn einer etwas wirklich Gefährliches oder Dummes tut. Lasst sie Rennen fahren!“ Der Balanceakt mit fast 1 000 PS geht weiter. Es bleibt ein schmaler Grat.