Die Fragerunde, die Hertha vor dem letzten Heimspiel gegen Leipzig abgehalten hat, war die kürzeste seit langem. Am Sonnabend ab halb vier geht es auch nicht mehr um viel. Michael Preetz spricht seit Wochen schon von einer „durchschnittlichen Saison“.

Pal Dardai ärgert sich, „sicher zehn Punkte“ verspielt zu haben. Kurz war die Runde auch, weil niemand verraten wollte, was im Transfersommer passiert. Sicher ist: Zwei Spieler verlassen Berlin, zwei Neue sind bereits verpflichtet.

Preetz sagte nur: „Die Mannschaft für die neue Saison steht noch nicht.“ Wenn das kein Anlass ist, den Kader zu checken und ein paar unverbindliche Kaufempfehlungen auszusprechen.

Torhüter? Kein Bedarf

Statistisch gesehen ist Rune Jarstein aktuell der siebtbeste Bundesligatorwart. Von 137 Schüssen hat er 94 pariert, was einer Quote von 68,6 Prozent entspricht. Das ist etwas besser (+ 0,6) als in der vergangenen Saison und etwas schlechter (– 2,4) als vor zwei Jahren. „Ich weiß, wie gut ich bin“, sagt Jarstein, 33, der gerade seinen Vertrag verlängert hat. Als Flankenabfangjäger ist er sogar sehr gut. Man muss ihm zutrauen, auch in den nächsten drei Spielzeiten die Nummer eins zu bleiben. Was das für Thomas Kraft, 29, bedeutet, die Nummer zwei, ist unklar. Vorerst ändert sich nichts an der Startaufstellung im Tor.

Dahinter drängeln die Verfolger, und es ist theoretisch ein Sechskampf um die dritte Position. Jonathan Klinsmann, 21, hat in seinem einzigen Pflichtspiel (Europa League) einen Elfmeter gehalten, ansonsten war er oft verletzt, kam zehnmal in der U23 zum Einsatz. Trainer Zsolt Petry bemängelte seine Einstellung und Körpersprache. Klinsmann muss dagegen ankämpfen, als PR-Gag bezeichnet zu werden.

Außerdem im Rennen: Nils Körber, 21, war zuletzt verliehen an Preußen Münster, Marius Gersbeck, 22, kommt aus Osnabrück zurück – beide sind erneut Verleihkandidaten. Die Nachwuchsleute Leon Schaffran, 19, Luis Klatte, 18, und Dennis Smarsch 19, werden wohl weiterhin zwischen den Ligen pendeln. Der bisherige U23-Stammtorwart Leon Brüggemeier wechselt als Nummer drei nach Paderborn.

Kaufempfehlung: Keine. Nach den Bayern hat Hertha das zweitbeste Torwartduo der Liga.

Abwehr? Jugend forscht weiter

Karim Rekik, 23, Linksfuß, ist klar der Chef im Zentrum. Hertha kann froh sein, dass die Niederlande sich nicht für die WM in Russland qualifiziert haben. Dort wäre bestimmt einem breiteren Fachpublikum aufgefallen, wie passsicher (84,1 Prozent) Rekik ist, wie präzise er grätschen kann: Niemand in der Bundesliga gewinnt so viele (76,2 Prozent) Tacklings wie er. Niklas Stark, 23, Rechtsausleger im Spielaufbau, ist Chefchen und der zehntbeste Zweikämpfer der bisherigen Saison. Bei geklärten Bällen (6,39 pro Spiel) liegt er auf Platz zwei. Er musste zuletzt nicht mehr im defensiven Mittelfeld aushelfen. Das hat ihm Sicherheit gegeben.

Hinter dem Duo wartet Jordan Torunarigha, 20, und er ist gleichermaßen ehrgeizig wie ungeduldig. Sollte Dardai die Dreier(fünfer)kette einführen, hätte Torunarigha weniger Zeit für Beschwerdeposts auf Instagram. Dann gibt es noch Florian Baak, 19, der immer dabei ist beim Profitraining, bislang aber nur ein Profispiel bestritten hat.

Die linke Außenbahn gehört Marvin Plattenhardt, 26, und Ersatzmann Maximilian Mittelstädt, 21. Der eine hat sich in das Herz von Joachim Löw (und zur WM?) geflankt, der andere könnte Dardai etwas weniger Bauchschmerzen bereiten mit seinem Nahkampf und Stellungsspiel. Auf Rechts hinterlässt Mitchell Weiser eine Lücke, in die entweder der fleißige und verlässliche Peter Pekarik, 31, oder der aus Köln kommende Lukas Klünter, 21, schlüpfen werden. Die neue Abwehreihe könnte im Schnitt 22,6 Jahre alt sein.

Kaufempfehlung: Eher keine. Hertha hat wenige Gegentore kassiert, die zurzeit fünftwenigsten der Liga.

Mittelfeld? Pässe und Tore gesucht

Per Skjelbred und Fabian Lustenberger sind beide dreißig, gemeinsam ist ihnen auch der hohe läuferische Aufwand, den sie vor der Abwehr betreiben, um ihre fußballerischen Defizite auszugleichen. Der eine ist ein cleverer Balldieb (Nummer elf der Liga), aber dann etwas fantasielos in den Umschaltmomenten. Torgefahr? 0,034 Treffer pro Spiel.

Der andere gewinnt 70,1 Prozent seiner Zweikämpfe (Ligaplatz vier), ist der elft-beste Kopfballspieler, bevorzugt aber zu oft den Querpass – und seine Torquote (0,015) steht eher für Ungefahr. Als Sechser sind Arne Maier, 19, und Vladimir Darida, 27, offensiver ausgerichtet, im Vergleich haben sie deutlich mehr Optionen im Fußgelenk. Was fehlt: ein Mix aus Lustenbred und Mairida. Julius Kade, 18, und Sidney Friede, 20, müssen sich nämlich noch mehr an den „Männerfußball“ (Dardai) gewöhnen.

Auf dem linken Flügel – je nach System – macht Salomon Kalou immer noch genussvolle Salomon-Kalou-Dinge, aber immer seltener, immer langsamer, nur noch ein Drittel seiner Dribblings geht gut aus. Trotzdem ist er mit aktuell elf Ligatoren Teambester. Zugang Javairo Dilrosun, 19, könnte sich also schon noch etwas abschauen. Und dann auch ein paar Extralehrstunden bei Valentino Lazaro, 22, nehmen. Der hat ja gezeigt, wie man sich gleich in der ersten Saison in die Startelf flankt und dribbelt.

Und zur Erinnerung: Genki Haraguchi (zuletzt ausgeliehen an Düsseldorf) und Sinan Kurt (ausgemustert in die Reserve) haben zwar noch einen Vertrag bis 2019, aber bereits 2018 kaum Chancen auf eine Rückkehr. Dafür hat Dennis Jastrzembski, 18, den Profistatus erreicht.

Auf der anderen Seite hat Mathew Leckie, 27, am Saisonende fast die Form des Saisonanfangs erreicht, als er mit vier Toren kurzzeitig die Ligabestenliste anführte. Er wird nach der WM einen Teil der Vorbereitung verpassen, was Alexander Esswein, 28, einen Vorteil verschaffen könnte im Wettrennen der Turbolader. Sollten beide nicht zünden, steht Trainersohn Palko Dardai, 19, bereit, um einen oder gleich beide abzuhängen.

Auf der Spielmacherposition hat Ondrej Duda, 23, auch im zweiten Jahr nicht das gezeigt, was Dardai in ihm sieht. Er mag der feinste Ballkünstler im Team sein, aber wenn er weiterhin nicht seinen handwerklichen Pflichten nachkommt, ist Lazaro der bessere Zehner. „Der letzte Pass hat gefehlt“, sagte Dardai nach fast jedem Spiel.

Kaufempfehlung: Einen robusten Spielmacher zu verpflichten, wäre so schlecht nicht. Duda könnte zur Abhärtung auf Leihstation gehen.

Sturm? Der Umbruch naht

Davie Selke, 23, vierzehn Pflichtspieltore, ist gesetzt, und er glaubt an eine große Zukunft, wenn die Mannschaft zusammenbleibt. Er will irgendwann Champions League spielen – ja, mit Hertha. Für Vedad Ibisevic, 33, könnte es die letzte Saison werden in Berlin. Sechs Tore hat er erzielt, so wenige wie nie zuvor in seiner Bundesligakarriere. Er stand aber auch nur noch in jedem zweiten Spiel in der Startelf. Wenn Dardai öfter auf ein 3-5-2 umstellt, braucht er Ibisevic – oder einen anderen, der nicht Julian Schieber, 29, heißt und zum Verkauf steht.

Es lohnt sich ein Blick auf die Jugend: Maximilian Pronichev, 20, hat in 19 Regionalligaspielen 15 Tore erzielt, Muhammed Kiprit, 19, ist mit 23 Treffern der Beste in seiner A-Juniorenbundesliga. Der Haken: Beide Verträge enden in diesem Sommer. Gerade Kiprit soll begehrt sein. Herthas Angebot hat er vorerst abgelehnt.

Kaufempfehlung: Ein bereits erfahrener, aber immer noch nicht fertiger Stürmer würde Sinn machen.