Herthas Routiniers Salomon Kalou und Vedad Ibisevic.
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BerlinWird Salomon Kalou, 34, der große alte Mann der Hertha, den Sprung in die Major League Soccer (MLS) in den USA schaffen oder gar irgendwann in der Super League von China stürmen? Findet Vedad Ibisevic, 35, noch einen neuen ambitionierten Verein, in dem er seine Karriere ausklingen lassen kann? Oder wird ihn der neue Trainer Bruno Labbadia, der ihn sehr schätzt, behalten wollen – auch, weil angesichts der Coronakrise ein neuer Kontrakt für Hertha günstiger sein könnte, als Ablöse und Gehalt für einen Nachfolger zu bezahlen?

Die Verträge der verdienstvollen Torjäger laufen am 30. Juni aus. Auch die von Alexander Esswein, Thomas Kraft, Peter Pekarik und Per Skjelbred. Das Sextett gehört zu den insgesamt etwa 70 Spielern aus der Ersten Bundesliga, deren Kontrakte enden und die sich zum Großteil auf die Suche nach einem neuen Arbeitgeber begeben müssen. Bei Hertha ist zudem die Zukunft der ausgeliehenen Marko Grujic (FC Liverpool) und Marius Wolf (Dortmund) offen.

Berliner Zeitung
Hertha-Kenner

Michael Jahn begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten den Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Immer mittwochs gibt er in dieser Kolumne seine Expertise zu der Mannschaft, dem Klub und seinem Umfeld ab.

Es gilt als sicher, dass gerade diese 70 Profis zu denjenigen gehören, die die Krise und den sich rasant verändernden Markt zuerst spüren werden. Ich bin sicher, dass es weniger neue Interessenten für sie geben wird und sie beim Gehalt Abstriche machen müssen. Bei Hertha hat es aus diesem Kreis nur der Norweger Per Skjelbred ideal getroffen. Er kehrt in seine Heimat zurück und besitzt einen neuen Vertrag bei Rosenborg Trondheim.

Es wird heftige Einschnitte in der Transfer-und Gehaltspolitik der Vereine geben. Das muss man überhaupt nicht bedauern. Im Gegenteil. Mehr Normalität tut gut. Der Transfermarkt war überhitzt, die Summen nicht mehr nachvollziehbar. Der Spitzenfußball bewegte sich in einer Blase. Ich habe mich oft darüber gewundert, dass sich viele Fans, die sich den Stadionbesuch vom Munde absparen, nicht stärker über die Millionengehälter aufgeregt haben.

Hans-Georg Felder, 54, war viele Jahre Pressechef bei Hertha BSC. Jetzt ist er Spielerberater für die „Siebert & Backs Fußballmanagement GmbH“. Die Agentur betreut unter anderem Torhüter Alexander Nübel, dessen Transfer von Schalke 04 zu Bayern München für Furore sorgt. Felder sagt: „Spieler, die neue Vereine suchen, haben es schwer. Neue Arbeitgeber stehen nicht Schlange. Die Gehälter werden sinken.“ Auch die Zeiten für Mega-Transfers sind vorbei. Felder bestätigt: „Wenn man wie im Moment Profis zum Gehaltsverzicht auffordert, kann man ein paar Monate später keine extremen Millionen-Transfers tätigen.

Felder glaubt, dass die Bundesligisten verstärkt auf die eigene Jugend setzen werden. „Ausbildung ist wichtig.“ Er sieht noch einen Trend: „Die deutschen Spitzenklubs werden sich auch intensiv auf dem englischen Markt umsehen. Dort besitzen die Premier-League-Vereine sehr große Kader mit vielen Talenten, die nicht zum Einsatz kommen, aber große Qualität haben.“

Bei Hertha waren die Talente durch die Transfer-Offensive unter Jürgen Klinsmann vor Corona ins Hintertreffen geraten, als für vier Zugänge 77 Millionen Euro ausgegeben wurden. Es war der ehemalige Cheftrainer Pal Dardai, der weit vor dem Einstieg von Investor Lars Windhorst sagte: „Ich träume von einem eigenen Fußball mit vielen selbst ausgebildeten Talenten. So eine Art Mini-Ajax-Amsterdam.“ Vielleicht geht dieser Traum ja in Erfüllung.