Berlin/BischofshofenWer hätte gedacht, dass aus diesem wütenden, kopfschüttelnden, aufgewühlten Karl Geiger von Innsbruck, der sich nach seinem verpatzten ersten Sprung fassungslos mit beiden Handflächen auf den Helm klopfte, am Ende der Vierschanzentournee doch noch ein versöhnter, erleichterter, vielleicht sogar still lächelnder Karl Geiger werden würde? Das Lächeln war hinter seinem weißen Mund-Nasenschutz im Scheinwerferlicht von Bischofshofen nur zu erahnen. Aber auf dem Siegerpodest, auf dem er als Tournee-Zweiter hinter Kamil Stoch und vor Dawid Kubacki im Schanzenauslauf stand, brachte er seine Freude dann doch mit einem Jubelschrei zum Ausdruck.

Das Fazit des Oberstdorfers, der die Tournee im alten Jahr mit einem Sieg auf der Oberstdorfer Schattenbergschanze begonnen und damit allerhand Hoffnungen bei den deutschen Skisprung-Fans geweckt hatte, lautete am Mittwochabend: „Gelungen, definitiv gelungen. Ich bin megaglücklich und echt froh, dass ich das heute noch so hingebracht habe.“

Noch besser brachte es allerdings Stoch hin. Im ersten Durchgang hatte der  33 Jahre alte Pole die schlechtesten Windbedingungen von allen. Trotzdem gelang ihm der schönste Hüftknick, die längste Streckung, die tollste Telemark-Landung, der weiteste Sprung - auf 139 Meter. Im zweiten Durchgang überzeugte er mit der gleichen sauberen, königlichen, unerschütterlichen Ästhetik und kam sogar auf 140 Meter. Mit großem Vorsprung gewann er nach 2017 und 2018 zum dritten Mal die Vierschanzentournee. „Gratulation an Kamil. Er hat das super gemacht“, sagte Geiger.

Er selbst war von Gesamtrang vier auf zwei gehüpft und hatte mit Sprüngen auf 138,0 und 133,5 Meter als Tagesdritter hinter Stoch und Marius Lindvik sowohl Titelverteidiger Dawid Kubacki aus Polen als auch den Norweger Halvor Egner Granerud überflügelt. „Karl ist mental unglaublich stark und super gesprungen“, attestierte Bundestrainer Stefan Horngacher dem 27-Jährigen. „Kamil ist in dieser Form weit weg von allen anderen.“

Sven Hannawald war 2002 der letzte deutsche Sieger

Weit weg von den Führenden war am Ende Markus Eisenbichler. Der Bayer wollte als Fünfter der Gesamtwertung in Bischofshofen angreifen. Er riskierte viel, traf aber den Absprung nicht. Mit 120,5 Metern verpasste er schließlich den zweiten Durchgang.

Und so war es bei dieser Corona-Tournee ohne Zuschauer wie in den vergangenen Jahren fast immer in Bischofshofen, wo sonst die Zuschauer Bier-, Schnaps-, oder Glühweinselig in Massen grölten, klatschten, tuteten - nur eben stiller: Der Sieg ging an den einen, der sich bei der Tournee als dominant, unschlagbar, als Mann der Kontinuität erwiesen hatte. Der letzte Sieg eines deutschen Skispringers gelang Sven Hannawald 2002. Das ist lange her.

Nun schlagen die etwa 2,5 Millionen Euro an entgangenen Zuschauereinnahmen bei den Tourneeausrichtern des Deutschen und Österreichischen Skiverbandes ins Kontor. Dass die Springen mit all ihren Auflagen, Corona-Testungen, Masken, auf Abstand und mit persönlicher Abholung der Siegtrophäe überhaupt stattfinden konnte, war für die Verbände lebenswichtig. „Nur wenn gesprungen werden kann, kann der Athlet seine Leistung zeigen, der Verband Gelder erwirtschaften und die TV-Sender Wettkämpfe übertragen. So banal ist das“, hatte der Teammanager der deutschen Skispringer Horst Hüttel gesagt.  Wird nicht gesprungen, fällt alles andere flach.

Mehr als 90 Prozent des DSV-Jahresetats von 37 Millionen Euro muss der DSV selbst erwirtschaften. Die Vierschanzentournee ist nach wie vor ein Zuschauermagnet, der Millionen von Menschen vor die Fernseher lotst: nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich, Polen, Norwegen oder Finnland. Die Werbespots zum Jahreswechsel und an den Feiertagen werden teuer verkauft.

Der System erhält sich selbst

Und wie beim Bundesliga-Fußball erhält sich das System, indem es in Bewegung bleibt. Und das tut es auch nach der Tournee. Denn gleich aus Bischofshofen reist der Tross der Skispringer weiter zum Weltcup in Titisee-Neustadt am kommenden Wochenende. Nach einer Pause geht es in Willingen weiter, zudem hat der DSV am 6./7. Februar in Klingenthal einen Weltcup von den Japanern in Sapporo übernommen. Denn alles, was sich hierzulande von den Schanzen in die Lüfte erhebt, bringt Geld von den Fernsehpartnern, rückt die Sponsoren ins Bild. 

Da ist es gut für den Markt, wenn die Konkurrenz bis zum Ende spannend bleibt. Wenn einer wie Geiger bis zum Schluss die Motivation behält, um den Sieg mitspringt. Und machte Teammanager Horst Hüttel im Schanzenauslauf von Bischofshofen „einen dicken grünen Haken“ hinter die diesjährige Tournee: „Wir sind zufrieden“, sagte er, „aber nicht überglücklich, weil wir irgendwann die Tournee auch gewinnen wollen.“