Berlin - „Ach nein“, lächelte Kamil Stoch in die Fernsehkamera, als die Reporterin ihn nach dem souveränen Sieg auf der Bergisel-Schanze in Innsbruck mit „König Kamil“ ansprach. „Lassen wir ‚König‘ lieber weg“, sagte der Skispringer. Die Distanzlosigkeit schien ihm peinlich zu sein, was den 33-Jährigen, der im skisprungverrückten Polen eine ähnliche Verehrung genießt wie Weltfußballer Robert Lewandowski, durchaus sympathisch erscheinen ließ.

Nun können Skispringer so wenig wie andere Sporthelden etwas dafür, wenn die Medien ihnen irgendwelche Beinamen verpassen. Die Alliteration Krol Kamil, wie Stoch in seiner Heimat genannt wird, bietet sich allerdings gleich in mehreren Sprachen an: King Kamil, König Kamil. Sogar in der norwegischen Sprache (Konge Kamil) hat K&K als Monarchie der Lüfte Bestand.

Wobei sich in Innsbruck nicht alle Skispringer spontan königlich darüber freuten, dass sich der dreimalige Olympiasieger wieder einmal derart von allen anderen abgesetzt hatte, dass sich Stoch nun anschickt, nach 2017 und 2018 an diesem Mittwoch beim Finale in Bischofshofen (16.45 Uhr/ZDF und Eurosport) zum dritten Mal die Vierschanzentournee zu gewinnen.

„Es nervt mich furchtbar, Kamil Stoch wieder siegen zu sehen“, sprudelte es aus dem Norweger Halvor Egner Granerud kurz nach dem Springen heraus. „Ich habe das Gefühl, dass die Bedingungen die ganze Tournee für die Polen günstig waren.“

Granerud entschuldigt sich bei Stoch

Ob er die Windbedingungen meinte? Oder die skurrile Tatsache, dass das gesamte polnische Team 22 Stunden lang wegen eines positiven Corona-Test des Springers Klemens Muranka vom Gesundheitsamt Oberallgäu in Quarantäne geschickt und damit von der Tournee suspendiert worden war – bis sich dann Polens Regierungschef Mateusz Morawiecki einschaltete, zwei weitere Corona-Tests der polnischen Springer allesamt negativ ausfielen und die Polen wieder mitspringen durften? Stoch dankte danach „allen Polen, die für uns gekämpft und uns diese Möglichkeiten eröffnet haben“. Sein gesamtes Team atmete auf – und belegte sowohl in Garmisch als auch in Innsbruck drei der ersten vier Plätze. Stochs Kollege, Vorjahressieger Dawid Kubacki, liegt als Zweiter des Gesamtklassements vor Granerud.

Und der Norweger, der nach seinem Hüpfer in Innsbruck ähnlich schlechter Laune war wie der kopfschüttelnde und sich auf den Helm klatschende Oberstdorfer Karl Geiger, der seine Chance auf den Gesamtsieg ebenfalls am Bergisel verschenkte? Granerud besann sich offenbar. Jedenfalls entschuldigte er sich postwendend bei Stoch für seine Aussagen und sprach den zweimaligen Weltmeister in einem Video, das er in seinem Hotelzimmer aufgenommen hatte, direkt an: „Ich wollte nichts Schlechtes über deine Sprünge sagen. Es war einfach ein harter Tag und ich war verärgert über mein eigenes Ergebnis. Auf dieser Schanze habe ich immer Pech“, sagte Granerud. Er merkte an: „Ich sollte keine Interviews mehr geben, wenn ich wütend bin.“ Außerdem sei Stoch sogar sein Idol: „Ich versuche, so zu springen wie er“, behauptet Granerud.

Seit Stochs Olympiasiegen in Sotschi in beiden Einzelspringen, dem Olympiagold von 2018 und seinen vier Tagessiegen bei der Tournee im Winter 2017/2018 versucht das wohl so mancher Athlet. Bundestrainer Stefan Horngacher, der Stoch früher als Cheftrainer der Polen betreute, bescheinigt dem Athleten aus Zakopane allerdings „außergewöhnliche Fähigkeiten. Kamils Körper ist zu 100 Prozent fürs Skispringen gebaut. Er ist der perfekte Skispringer.“

Einer, der dem Sport alles zu 100 Prozent unterordne, auch das Privatleben. Wobei Stochs Frau Ewa, mit der er seit zehn Jahren verheiratet ist, praktischerweise als seine Managerin agiert. „Sie hilft mir, mich selbst zu verwirklichen“, hat Stoch mal gesagt.

Eisenbichler: „Wir werden angreifen“

Dass es Karl Geiger als Gesamtvierter in Bischofshofen schaffen könnte, die 14 Meter Vorsprung auf Stoch aufzuholen, ist unwahrscheinlich. „Es müsste schon viel passieren, dass wir die Polen da vorne noch abfangen können“, sagte Geiger. Sein Teamkollege Markus Eisenbichler, Fünfter im Gesamtklassement, kündigte dennoch gewohnt forsch an: „Wir werden angreifen.“