Kampfansage an die Regionalliga Nordost: FC Viktoria 1889 gewinnt das besondere Duell gegen den BAK

Ruhig und fast schon emotionslos nahm Jörg Goslar, Trainer des FC Viktoria 1889, das Führungstor in der 19. Minute zur Kenntnis. Auch nach Abpfiff des taktikgeprägten 2:0-Sieges gegen den Berliner AK wählte er die sachliche Analyse statt große Worte der Freude. Dabei besiegte er in den letzten zwei Partien den Tabellenführer aus Chemnitz und nun dessen Verfolger, den BAK. Bei dem stand er vor zwei Jahren noch selbst an der Seitenlinie. Und dessen jetziger Trainer Ersan Parlatan war ironischerweise vorher Chefcoach bei Viktoria. Eigentlich ein besonderes Duell zweier Trainer, die seit jeher einen sehr respektvollen Umgang pflegen.

„Ich habe keinerlei Emotionen mehr, was die Sache angeht“, sagte Goslar dennoch vor dem Spiel. Goslar wurde 2016 vom BAK verpflichtet, um den späteren Aufsteiger Carl Zeiss Jena noch abzufangen. Nach 18 Spielen und der Niederlage im Direktduell war trotz durchschnittlich 2,3 Punkten Schluss für ihn. „Es gab die Idee, aufzusteigen. Als das nicht klappte, gab es keine Ideen mehr“, sagt Goslar. Damals schossen viele Gerüchte ins Feld. Es wurde über ein Traineramt für Thomas Häßler gemunkelt. Ein rein auf Jugendarbeit basierendes Konzept wurde intern diskutiert. Selbst Spekulationen, dass Präsident und Investor Ali Han das Projekt BAK aufgeben wolle, standen im Raum. In dieser Debatte endete die kurze Ära Goslar beim BAK. „Es war damals einzig und allein eine Strategiefrage gegenüber Ali Han“, sagt Goslar heute. „Und er hatte damals keine klare Antwort zur Zukunft des Vereins. So haben wir uns getrennt. Es gab aber keinen Streit.“

Bestandsaufnahme im Winter

Die Zukunft der Viktoria wurde dagegen sehr wohl verortet. Nach dem Einstieg des chinesischen Hotelmilliardärs Alex Zheng heißt die Marschrichtung Profifußball. Dafür fließen Millionen in die Vereinskasse. Über die genaue Summe (gerüchteweise 90 Millionen Euro) schweigt sich der Verein weiterhin aus. Für den 54-jährigen Cheftrainer ergeben sich trotzdem weitreichende Möglichkeiten. Als er den Verein Anfang der Saison übernahm, startete er mit 18 nominellen Kräften den Kaderumbruch im Schnelldurchlauf. Neun davon sind noch an Bord. 22 Neue wurden verpflichtet, darunter viele bekannte Namen mit Zweit- und Drittligaerfahrung. Neustürmer Petar Sliskovic kam sogar mit zwei Bundesligatoren in der Referenzmappe in den Berlin Südwesten. Sein gestriges Elfmetertor zum 2:0 war sein achter Saisontreffer.

Die großen Namen und das große Geld können schnell Ungeduld verursachen, das weiß auch Goslar. „Aktuell muss man hier mehrere Sachen zusammenführen. Das ist als Trainer schon herausfordernd. Denn auch in der Mannschaft ist eine Ungeduld zu spüren. Die Jungs wollen natürlich dabei sein, wenn es hier ernsthaft um Profifußball geht“, sagt er. Noch bleiben Goslars Ziele trotz der Investoreneuphorie überschaubar. Zuerst wolle man zu den Verfolgern des Chemnitzer FC aufschließen. Die machen vorerst nichts anderes als dem Ligaprimus aus Sachsen hinterherzuhecheln – trotz dessen erneuter Niederlage. Ist man am Ende besser als Platz sechs, so sei das schon ein erster Erfolg. Dort steht der Verein aktuell. „Im nächsten Jahr wird der Blick auf Platz eins gerichtet sein“, sagt Goslar.

"Viktoria ist mehr Verein als BAK"

Doch trotz der aktuell positiven sportlichen Dynamik ist der Profifußball strukturell noch ein gutes Stück von Lichterfelde entfernt. „Anfangs gab es keine vorausschauende Planung, und wir suchen in manchen Bereichen noch immer händeringend nach Struktur“, sagt Goslar. Und in der Liga tummeln sich im Gegensatz dazu andere bekannte Vereine mit ähnlich großen Ambitionen aber auch größerem infrastrukturellen Umfeld, vom Zuschauerzuspruch ganz abgesehen. Nur 438 Interessierte lockte das Stadtderby gegen den BAK an, worüber sich auch Goslar enttäuscht zeigte.

„Dennoch ist es bei Viktoria schon ein ganz anderer Schnack als beim BAK. Hier ist irgendwie mehr Verein“, sagt er. Sein Vertrag dort endet nächstes Jahr im Sommer. Noch im Winter wollen sich alle Verantwortlichen zusammensetzen und die erste Bestandsaufnahme machen, Investor inklusive. Zwei Ligaspiele stehen bis dahin noch an. „Bis Weihnachten wollen wir im Fluss bleiben“, sagt Goslar und befürchtet, dass die Winterpause vor dem Hintergrund der aktuellen Leistung vielleicht ein bisschen zu früh kommen könnte.

Im letzten Heimspiel der Saison wird der FC Viktoria im kommenden Mai dann übrigens ausgerechnet gegen den Chemnitzer FC antreten. Als Goslar kurz darüber nachdenkt, wird er sogar einen winzigen Moment emotional: Was das bedeuten könne, solle man doch mal überlegen. „Das Jahr ist also noch lange nicht vorbei!“, sagt er dann. Dabei bleibt er im Ton wieder so ruhig, dass man sich nicht sicher sein kann, ob das schon zur Kampfansage an die Liga taugt.