Tokio - Olympische Spiele sind viel mehr als nur die größte Sportveranstaltung der Welt. Das betonen jedenfalls das IOC und das lokale Organisationskomitee jedes Mal. Damit auch Sportmuffel empfinden können, was es heißt, „Feuer und Flamme“ zu sein, denken sich die Veranstalter im Vorfeld der Spiele möglichst große Ideale aus, die sie dann zum Motto der Spiele erklären.

In Tokio sind es solcher Devisen gleich drei: „Sein persönliches Bestes erreichen“, „Etwas Bleibendes für die Zukunft schaffen“ und „Einheit in Vielfalt“. Während das erste Motto die Zuschauer zu persönlichem Ehrgeiz inspirieren soll, betont das zweite, dass die eigens für Olympia errichteten Spielstätten auch in Zukunft noch stehen werden. Besonders interessant und heikel aber ist das dritte Motto.

Ein Motto als Mahnung für Tokio

Die Marschroute „Einheit in Vielfalt“ erläutern die Organisatoren auf ihrer Website so: „Respekt und Akzeptanz der Unterschiede in Sachen Ethnizität, Farbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, Sprache, Religion, politischer oder anderer Meinung, nationaler oder sozialer Herkunft, Besitz, Geburt, Status sowie des Niveaus der Fähigkeiten ermöglichen, dass der Frieden erhalten bleibt und die Gesellschaft weiter blüht.“ Hierfür wolle „Tokyo 2020“ fruchtbaren Boden bieten.

Zunächst klingt das wie die typisch hochtrabenden Versprechen, die der Profisport heutzutage immer wieder gibt, um sich über das eigentliche Spiel hinaus Relevanz zu verschaffen. Im Kontext Japans aber liest sich der lange Satz auch wie eine Mahnung. „Einheit in Vielfalt“ ist bisher nämlich kein Leitspruch, der in dem ostasiatischen Land besonders ausgelebt wird. Ein herkömmliches Selbstbild Japans ist das einer homogenen Gesellschaft, in der eher Gemeinsamkeiten betont werden.

Auch deshalb hielt die konservative Regierung es bis heute nicht für nötig, ein umfassendes Antidiskriminierungsgesetz auf den Weg zu bringen. Zudem ist Japan in Bezug auf Einwanderung restriktiv. Kaum zwei Prozent der Bevölkerung haben einen ausländischen Pass. So spüren diejenigen, die optisch dem Bild einer homogenen Gesellschaft zu widersprechen scheinen, auch besonders oft Diskriminierung.

Die Olympischen Spiele sollen nun einen Blick auf die Welt anbieten, der Diversität als etwas Normales und Positives sieht. Inmitten der Pandemie wird das natürlich schwierig, da die ausländischen Besucher nun nicht ins Land dürfen. Aber einen Diversifizierungsschub könnte „Tokyo 2020“ dennoch bringen: durch japanische Sportler, die in den Augen vieler Japanerinnen und Japaner nicht japanisch aussehen.

Japans Medaillenanwärter mit Migrationshintergrund

Tatsächlich gehören diverse Athleten mit Migrationshintergrund zu den vielversprechendsten, die für die Gastgebernation an den Start gehen werden. Allen voran ist da die Tennisspielerin Naomi Osaka, Tochter einer japanischen Mutter und eines haitianischen Vaters, die zudem in den USA aufwuchs und besser Englisch spricht als Japanisch.

Andere Aspiranten aber geben ihre Interviews auf Japanisch. Da wäre etwa der 22-jährige halb ghanaische Sprinter Abdul Hakim Sani Brown, der für Japan schon U18-Weltmeister über 100 und 200 Meter wurde. Oder der 23-jährige Rui Hachimura, der erste Japaner in der NBA, dessen Vater aus Benin kommt und der Japan im Basketball anführen wird.

Selbst in der Nationalsportart Judo zählt mit dem 26-jährigen Mashu Baker ein Halbamerikaner zu Japans Medaillenhoffnungen. Sie alle könnten zu Nationalhelden werden. Skeptiker warnen aber vor Optimismus: Diejenigen in Japan, die weiterhin die Homogenitätserzählung mögen, dürften sich nur durch Siege überzeugen lassen.