Manuel Neuer ist im Tor der Nationalmannschaft trotz starker Konkurrenz gesetzt.
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DüsseldorfIst es möglich, dass dieser Torwart ein Training kaum erwarten kann? Bundestrainer Joachim Löw hatte am Vormittag unter dem geschlossenen Dach der Düsseldorfer Arena seine Nationalspieler noch gar nicht im Kreis versammelt, da ging Manuel Neuer noch mal in den Liegestütz. Als kurz darauf Bundestorwarttrainer Andreas Köpke mit Bernd Leno und Marc-Andre ter Stegen plauschte, lief sich der Kapitän warm. Jede Sekunde ist kostbar.

Die Nummer eins wirkte so fokussiert, als müsse er sich im bevorstehenden EM-Qualifikationsspiel gegen Weißrussland (Sonnabend 20.45 Uhr/ RTL) für Schwerstarbeit präparieren – eher das Gegenteil wird in seinem 91. Länderspiel passieren. Dabei wisse er noch gar nicht, sagte Neuer am Mittwoch, ob er wirklich auflaufe, „ich bereite mich so vor, dass ich immer spiele.“ Im Borussia-Park ganz gewiss, am Dienstag in der Frankfurter Arena gegen Nordirland könnte ter Stegen eine Bewährungschance erhalten, sofern die Qualifikation schon perfekt ist. Im Ernstfall würde Neuer den Posten beziehen, denn auch für die paneuropäische Endrunde 2020 ist die Torwartfrage geklärt: Der 33-Jährige ist auch bei der Neuausrichtung gesetzt − als einer der letzten drei verbliebenen Weltmeister zusammen mit Toni Kroos und Matthias Ginter.

Neuer bezieht Stellung

„Ich bewerte das vergangene Jahre positiv“, sagte Neuer. „Es haben einige Veränderungen stattgefunden, aber wir sind noch nicht bei 100 Prozent.“ Seinen Führungsanspruch untermauert er  hintergründig. So wie er nach dem WM-Desaster in Russland eine lapidare Bemerkung platzierte, um die in Einzelteile zerfallene Nationalmannschaft zu beschreiben („selbst, wenn wir weitergekommen wären, hätte jeder gern gegen uns gespielt“), genügte beim FC Bayern nach der jüngsten 1:5-Abreibung bei Eintracht Frankfurt ein einziger Satz, um das kollektive Versagen zu skizzieren: „Das ist jetzt für mich kein Wunder, was hier passiert ist.“ Wenn Grundsätzliches aus dem Ruder läuft, bezieht Neuer öffentlich Stellung.

Manchmal kommt eine Führungskraft schon mit ein bisschen mehr Kante aus, zumal der sozial und gesellschaftlich über seine eigene Stiftung vorbildlich engagierte Profi ansonsten sehr auf Ausgleich bedacht ist. Und so zeigte er gestern auch Verständnis für die Zurückhaltung des Publikums bei den letzten beiden Länderspielen des Jahres: „Die Anstoßzeiten sind wieder sehr spät, im November ist das Wetter in Deutschland nicht optimal, und bei allem Respekt: Wir spielen nicht gegen Mannschaften, wo man erwarten kann, dass jeder ins Stadion kommt.“

Sein Konterfei hat dabei fürs Publikum den höchsten Wiedererkennungswert. Sein Profil schärft Neuer gänzlich anders als einst Oliver Kahn, der designierte Vorstandsvorsitzende des FC Bayern: besonnen, nicht aufbrausend. Über Hans-Dieter Flick als vorläufigen Trainer-Nachfolger des in der Kabine nicht mehr wohlgelittenen Niko Kovac sagte Neuer nun: „Er hat in sechs Tagen alles investiert und zweimal waren wir sehr erfolgreich.“ Die Schlussfolgerung, dass sich die Vereinsmannschaft und das Nationalteam unter dem Löw-Intimus Flick wieder mehr ähneln würden, bestätigte der Zeuge insofern, „weil wir bei Bayern wieder mit mehr deutschen Fußballern spielen“.

Rückkehr des Lächelns

Neuer huschte nach Flicks Inthronisierung mehr als ein Lächeln über die Lippen: Mit dem Flick-Ansatz könnten Zu-Null-Erlebnisse wieder zur Regel werden. Obwohl der Modellathlet nämlich teilweise weltmeisterlich hielt, nagten wettbewerbsübergreifend 22 Gegentreffer an seinem Selbstverständnis.

In solchen Zeiten, erklärte der Torhüter, sei er automatisch öffentlich mehr gefragt. Interessant, dass Neuer in diesem Zusammenhang an Kantersiege mit der Nationalmannschaft im WM-Halbfinale 2014 gegen Brasilien (7:1) oder mit den Bayern in der Champions League in diesem Jahr bei Tottenham Hotspur (7:2) erinnerte: „Da hatte ich auch viel zu tun, aber danach werden mehr die Offensivspieler gefragt. Ich vertrete mit der Nationalmannschaft und im Verein immer meine Meinung. Da hat sich nichts verändert.“