Berlin - Im weißen Anzug und mit einem schwarzen Gürtel um die Hüfte gebunden steht René Schinck in dem kleinen Raum mit Parkettboden. Rechts neben ihm ein Sandsack, links von ihm ein großes Banner voller japanischer Schriftzeichen, führt er ein sogenanntes Kata vor. Eine Abfolge präziser Karate-Schläge, Abwehrbewegungen und Schritte – erst langsam, dann immer schneller und kraftvoller. Anschließend verbeugt sich der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Shotokan Kyokai Berlin und sagt in die Kamera: „Wenn das bei euch mit dem Platz nicht hinhaut, müsst ihr die Schritte auf der Stelle machen.“

Onlinetraining wird zu gewohntem Bild im Breitensport

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind Onlinetrainings zu einem gewohnten Bild in vielen Breitensportvereinen geworden. Seit Monaten sind sie nahezu der einzige Weg, den Mitgliedern überhaupt ein Sportangebot zu machen. Auch im Karate, für dessen Vereine dies besonders bitter ist. So hatten diese sich ausgerechnet für die vergangenen zwölf von der Pandemie geprägten Monate einen großen Aufschwung erhofft.

Verbunden war diese Hoffnung mit der erstmaligen Aufnahme von Karate ins Programm der Olympischen Spiele in Tokio. Sie versprach im Kern, die Sportart auch in Deutschland ein bisschen mehr ins Rampenlicht zu rücken und ihren Vereinen hierzulande neue Mitglieder zu bescheren. Dann kam Corona, aus Olympia 2020 wurde Olympia 2021, und auch im Karate setzte ein massiver Mitgliederschwund ein.

Als das Organisationskomitee der Olympischen Spiele im Sommer 2016 verkündete, Karate in Tokio erstmals ins Programm der Spiele aufzunehmen, war auch bei Wolfgang Weigert die Freude groß. Vor allem eines habe sich der Präsident des Deutschen Karate Verbandes durch diese Entscheidung erhofft: „mediale Aufmerksamkeit“. Nicht ohne Grund: Alle vier Jahre rücken die Olympischen Spiele selbst solche Sportarten in den Fokus der Öffentlichkeit, die sonst wenig Beachtung finden. Plötzlich laufen im Fernsehen Fechten oder Bogenschießen, Geschichten aus dem Gewichtheben, Judo oder Synchronspringen werden transportiert. Oder eben Karate. „Wir hatten in den letzten fünf Jahren eine deutlich größere mediale Aufmerksamkeit, sind viel präsenter“, berichtet Weigert. 

Ein Umstand, der auch Rene Schinck „umgestimmt“ hat, wie er es selbst formuliert. So hat er die Entscheidung, Karate olympisch zu machen, anfangs sehr kritisch betrachtet. „Karate ist nicht nur Sport, sondern auch sehr viel Geistiges, viel Tradition“, sagt er. Dass die ursprünglichen Ideen hinter Karate durch die olympische Sportart nicht transportiert werden, findet Schinck noch immer. „Aber auch wir haben registriert, dass wir Karate viel besser präsentieren können. Wir haben jetzt eine Plattform, um auch die traditionellen Teile vom Karate zu vermitteln“, sagt er.

Umso bitterer ist es für den Verband und dessen Vereine, dass sie genau dies in Corona-Zeiten nun eben nicht können. Anstatt die erhöhte mediale Aufmerksamkeit zur Akquise neuer Mitglieder nutzen zu können, kämpfen die Vereine darum, ihre bestehenden nicht zu verlieren. Ganze 30 Prozent ihrer Mitglieder hätten die Karatevereine in Deutschland bislang verloren, berichtet Weigert, und auch Schinck sagt, dass sein Shotokan Kyokai „extrem viele Mitglieder“ verliere. Besonders ärgerlich ist hierbei, dass allen voran diejenigen aufhören, die erst in den letzten Jahren mit dem Karate begonnen haben. Diejenigen, die vielleicht auch dank der Aufnahme in das olympische Programm auf den Sport aufmerksam geworden sind.

Trainer können Fehler nicht korrigieren

Daran ändern die bereits beschriebenen Onlinetrainings von den Vereinen ebenso wenig wie die des Verbandes. Seit dem vergangenen Jahr veranstaltet der Verband diese alle paar Wochen. Regelmäßig trainieren knapp eintausend Menschen mit deutschen Karate-Größen und Bundestrainern. Eine beachtliche Resonanz, die die Onlinetrainings laut Wolfgang Weigert zu „einem wichtigen Mittel“ in Pandemiezeiten für den Verband macht. Dennoch spricht der Präsident auch von einer „abflachenden Euphorie“, was das digitale Training angeht, und Rene Schinck ergänzt: „Man kann sich ja vorstellen, dass insbesondere Anfänger und Kinder schnell demotiviert sind.“ Weil allein und zuhause zu trainieren  per se weniger Spaß mache als das Training im Dojo und der Gruppe. Aber auch, weil der für Anfänger so wichtige Kontakt zum fehlerkorrigierenden Trainer fehlt und sich so nur langsam verbessert wird.

Rene Schinck und seine Kollegen vom Shotokan Kyokai Berlin werden ihre Onlinetrainings dennoch weiterhin anbieten, aufzeichnen und ins Netz stellen. Vielmehr bleibt ihnen derzeit auch nicht übrig – in einer Zeit, in der man im Karate eigentlich ganz andere Dinge vorhatte.