Platz eins ist für Karl Geiger bei der Vierschanzentournee in Reichweite.
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OberstdorfSchon als kleiner Junge war der Oberstdorfer Karl Geiger beim Tourneespringen in seiner Heimat an der Schanze. Besonders gern erinnert er sich an die Siege von Martin Schmitt, der zwischen 1998 und 2000 dreimal in Serie am Schattenberg triumphieren konnte. Zwei Jahrzehnte später reichte es vor 25 500 begeisterten Zuschauern in der ausverkauften Arena zum Auftakt der 68. Vierschanzentournee zwar nicht ganz zum großen Triumph, aber für Karl Geiger war dieser zweite Platz unter den Augen seiner Familie und vieler Freunde ein gefühlter Sieg.

„Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich bin einfach megahappy, die Atmosphäre war der Hammer. Natürlich war ich nervös, aber ich habe gute Mittel und Wege gefunden, mich runterzubringen“, sagte Geiger überglücklich. Kurz nach seiner Landung fiel ihm sein im letzten Jahr in Oberstdorf zweitplatzierter Zimmerkollege Markus Eisenbichler in die Arme, der Rest war ein Jubelschrei. Geigers Eltern im Publikum hatten Tränen in den Augen.

Karl Geiger ist im Vorjahr am Druck gescheitert

Im vergangenen Jahr war der Oberstdorfer Geiger nach dem ersten Weltcup-Sieg seiner Karriere ebenfalls als größte deutsche Tournee-Hoffnung angereist und beim Auftakt noch am Erfolgsdruck gescheitert. Diesmal erfüllte der 26-Jährige mit dem ersten Tournee-Podestplatz seiner Karriere einen seiner größten sportlichen Träume. Nach Flügen auf 135 und 134 Meter musste sich der zweifache Team-Weltmeister am Ende nur Titelverteidiger Ryoyu Kobayashi (Japan) geschlagen geben. Also genau jenem Überflieger, der bei der vergangenen Tournee als dritter Skispringer der Historie alle vier Springen beim Skisprung-Grand-Slam gewonnen hatte.

Was den schwarz-rot-goldenen Skisprung-Fans trotzdem Hoffnung auf den ersten deutschen Tournee-Gesamtsieg seit Sven Hannawalds Triumph vor 18 Jahren machen sollte: Karl Geiger hat die größte nervliche Herausforderung in seiner Heimat schon bestanden. 9,2 Punkte – umgerechnet reichlich fünf Meter – nimmt Geiger mit in die restlichen Tourneespringen in Garmisch-Partenkirchen (1. Januar), Innsbruck (4. Januar) und Bischofshofen (6. Januar). „Kobayashi darf sich keinen Fehler erlauben, dann kommt der Karl. Sein Podestplatz ist megakrass“, kommentierte Eisenbichler.

Ein Triumph für den neuen Bundestrainer

Auch für den neuen Bundestrainer Stefan Horngacher war dieser Auftakt in Oberstdorf nach zuvor nur zwei Geiger-Podestplätzen im bisherigen Weltcup-Winter ein Triumph. Der wiedererstarkte Dreifach-Weltmeister Markus Eisenbichler – nach dem ersten Durchgang noch Fünfter – Pius Paschke und Stephan Leyhe komplettierten auf den Plätzen 11 bis 13 das mannschaftliche bisher beste deutsche Resultat unter seiner Regie. „Wir fahren mit einem Podest weg, das war das Ziel. Karl hat wirklich zwei sehr gute Sprünge gezeigt, das ganze Team super gearbeitet. Jetzt gehen wir entspannt in den Ruhetag und greifen in Garmisch wieder an“, bilanzierte Horngacher.

Der neue Chefcoach hatte pünktlich zur Tournee noch einmal in die Material-Trickkiste gegriffen hatte: „Natürlich lässt man sich Reserven für solche Großereignisse offen, Schrauben, an denen man drehen kann“, erklärte er. Kobayashi sprang mit den schlechtesten Wind-Bedingungen der Favoriten aber trotzdem in einer eigenen Liga. Mit dem fünften Einzel-Sieg bei der Tournee in Serie baute der 23 Jahre alte Überflieger seine Führung im Gesamtweltcup aus. Die einzigartige Fähigkeit, sich nach einem kraftvollen Absprung blitzartig in der richtigen Flugposition zu katapultieren und dabei so viel Geschwindigkeit wie kein anderer mitzunehmen, macht ihm erneut zum Maß der Dinge bei dieser Tournee.