Wie so oft war es ein Zufall, der den Stein ins Rollen brachte. Eine leidenschaftliche Läuferin wird von einer sehbehinderten Physiotherapeutin behandelt, die ihr erzählt, wie gerne sie selbst laufen würde. Daraus wurde ein Plan. „Wir mussten aber erst viel ausprobieren. Wie verhält man sich als Guide, auf welcher Seite läuft man und so weiter“, erzählt Kirsten Ulrich, die leidenschaftliche Läuferin.

Marathon für blinde Läufer

Sie hat den Kontakt zu Regina Vollbrecht gesucht, der Weltrekordhalterin im Blinden-Marathon der Frauen. Das war im März 2010. Drei Jahre später liefen Ulrich und ihre frühere Physiotherapeutin Constanze Thoms den Berliner Halbmarathon.

Kirsten Ulrich ist Vorsitzende der Karower Dachse, eines Vereins, der heute über Berlin hinaus für seine Inklusionsarbeit bekannt ist. „Mir war klar: Es muss noch mehr sehbeeinträchtigte Menschen geben, die auch gerne laufen wollen“, erinnert sich Ulrich. Inzwischen bilden die Dachse unter dem Projektnamen Lauftandem Begleitläufer aus. Das ist in Deutschland einzigartig. Und sie bieten so Sehbehinderten die Möglichkeit zu laufen. „Uns geht es darum, für das Thema ein Bewusstsein zu schaffen“, sagt Ulrich. „Wenn man einmal als Sehender merkt, wie es ist, nicht sehen, nicht laufen zu können, wird man sensibler.“ Das Projekt Lauftandem liegt der 55-Jährigen, die hauptberuflich Heilpraktikerin ist, sehr am Herzen.

Die Karower machen aber weit mehr. Der Verein organisiert zum Beispiel alljährlich eine Inklusionswoche. Vor 20 Jahren von sieben Familien gegründet, verfolgten die Dachse von Anfang an einen sozialen Ansatz. „Uns alle vereinte, dass es uns darum ging, Sport sozialverträglich für alle anzubieten“, sagt Ulrich, „der Leistungsaspekt war nie wichtig. Wir wollten Sportarten, die Spaß machen, und Familien ansprechen.“

Die Karower Dachse wachsen

Mehr als 2 600 Mitglieder aus allen Altersgruppen hat der Verein, das jüngste Mitglied ist ein Jahr alt, das älteste Mitte 80. Die Dachse wachsen. Das war nicht immer so. Zwischen 2015 und 2017 gab es einen Negativtrend, vor zwei Jahren hatten sie nur noch 1 200 Mitglieder. Damals mussten die Dachse auf ihre Stammhalle verzichten. „Teilweise haben wir Ausweichmöglichkeiten gefunden, aber viele Angebote konnten nicht stattfinden“, sagt Ulrich.

 Der Verein hat sich erholt, so die Vorsitzende. „Manchmal müssen wir in bestimmten Sportarten aber auch Anträge ablehnen. Wie die meisten Berliner Vereine haben auch wir ein Raumproblem.“ Fünf Mitarbeiterinnen beschäftigt der Verein, eine davon hauptberuflich. Getragen werden die Karower von vielen ehrenamtlichen Helfern. Sie stoßen regelmäßig an Grenzen: „Es gibt noch viel mehr Möglichkeiten, finanzielle Unterstützung zu bekommen. Aber die Flut von Vorschriften, Bestimmungen, Gesetzen und die großen Hürden, die zu nehmen sind, machen es nicht leichter“, sagt Ulrich: „Der Aufwand ist zu groß.“ Die Ausgaben deckt der Verein durch Zuschüsse, Sponsorengeld, Spenden, Mitgliederbeiträge. „Die Masse macht’s.“

Den niedrigen Mitgliedsbeitrag zu erhöhen, kommt für Ulrich nicht infrage. „Bei uns gibt es eine Familien-Mitgliedschaft für 20 Euro im Monat – ganz egal, wie groß die Familie ist. Eine Familie mit sieben oder auch mehr Personen, wie wir sie mitunter auch haben, könnte sich Sport sonst gar nicht leisten.“

Neun Jahre nach dem Start des Tandems Kirsten Ulrich und Constanze Thoms ist Ulrich immer noch Begleitläuferin für Breitensportler, die geistig beeinträchtig oder sehbehindert sind. Thoms wiederum ist vor kurzem Mutter geworden. Sie hat pausiert, möchte aber bald sie wieder anfangen mit ihrer großen Leidenschaft. Sie will wieder loslaufen.