Das Präsidium des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) tagt an diesem Wochenende in der Parkresidenz des Hotels Burg Schwarzenstein. Das Anwesen hoch über dem Rheintal wirbt mit seinem edlem Ambiente. Die Zimmer sind mit exotischem Wengeholz ausgestattet, flauschige Bademäntel liegen bereit. Als spezielles Arrangement kann man ein Verwöhnpaket buchen, das „Rundum sorglos“ heißt.

Dafür, dass DSV-Präsidentin Christa Thiel und ihren Kollegen auf der Burg keine „Rundum-sorglos-Tage“ bevorstehen, hat ein kürzlich veröffentlichter Bericht des Bundesrechnungshofes (BRH) gesorgt. Er führt schwerwiegende Vorwürfe gegen den mehr als 600.000 Mitglieder starken Verband auf. In seinen „Bemerkungen 2015 zur Haushalts- und Wirtschaftsführung des Bundes“ stellt der BRH fest, dass der DSV „Bundesmittel teilweise unwirtschaftlich und nicht ordnungsgemäß verwendet hatte. Er verstieß in erheblichem Umfang sowohl gegen die zuwendungsrechtlichen Nebenbestimmungen als auch gegen die eigene Satzung und Finanzordnung“.

Von Steuergeldern gefördert

Als olympischer Spitzensportverband wird der DSV mit Zuwendungen von jährlich mehr als vier Millionen Euro vom Bundesinnenministerium gefördert. Er bestreitet seine Ausgaben überwiegend von diesem Geld. Nun berichtet der BRH von einer „Vielzahl von Verstößen“ gegen die ordnungsgemäße Verwendung der öffentlichen Mittel. Er hat das Bundesverwaltungsamt aufgefordert, „die ordnungsgemäße Geschäftsführung des Verbandes zu überprüfen“.

„Die Vorwürfe sind sehr gravierend. Es ist sehr problematisch, wenn ein so großer Verband mit Steuergeldern in dieser Höhe so unsachgemäß umgeht und es keine Kontrollmechanismen gibt“, sagt Özcan Mutlu, sportpolitischer Sprecher der Grünen. „Es ist bedauerlich, dass so etwas im vorolympischen Jahr passiert. Der Deutsche Olympische Sportbund und das Bundesinnenministerium müssen sich fragen, ob sie ihrer Verantwortung gerecht geworden sind. Wir müssen das unbedingt im neuen Jahr im Sportausschuss des Bundestages auf die Tagesordnung bringen und für Transparenz sorgen.“

Die Fragezeichen sind groß. Thiel, 61, hat bisher zu dem Bericht geschwiegen. Bei den Landesverbänden regt sich darüber Unmut. „Eine strukturierte interne Krisenkommunikation seitens des DSV hat, zumindest in unsere Richtung, nicht stattgefunden. In Anbetracht der durchaus klaren Vorhaltungen des Bundesrechnungshofes und den auch bei uns aufschlagenden Anfragen hätte ich mir eine offene Kommunikation nach innen gewünscht“, sagt etwa Frank Rabe, Generalsekretär des nordrheinwestfälischen Schwimmverbandes, der etwa ein Drittel der DSV-Mitglieder ausmacht.

An der Basis wissen sie nicht, ob es Rückforderungen gab. Ob der BRH-Bericht nur die Spitze des Eisberges ist. Spekulationen machen die Runde. Der BRH-Bericht wurde am Montag nach der letzten Hauptausschusssitzung des Verbandes in Berlin öffentlich.

Transparenz fehlt im DSV traditionell

„Bei der Sitzung hat der Vizepräsident Finanzen nur Bruchteile bekannt gegeben“, sagt der Präsident des Bayerischen Schwimmverbandes Helmut Schindler. Offenbar hatten interne Kassenprüfer einige der Verfehlungen bereits bemerkt. „Sie wurden intern schwer angegriffen. Man hat intern versucht, den Kassenprüfbericht unterzubuttern“, so Schindler. „Wir Landesverbände haben immer alles nur über Zweite und Dritte erfahren. Im DSV wird nicht von oben nach unten kommuniziert. Jetzt fordern wir: Alles muss auf den Tisch gelegt werden.“

Transparenz fehlt im DSV, der seit 15 Jahren von der Wiesbadener Juristin Thiel geführt wird, beinahe traditionell. Offenbar auch gegenüber Präsidiumsmitgliedern. „Ich bin im falschen Film“, dachte jedenfalls Vico Kohlat, Vizepräsident Recht im DSV, als er den BRH-Bericht las, der seit Mitte November im Internet ist: „Dass ein Sportverband gleich mehrere Seiten für sich einnimmt, ist selten.“ Er behauptet, von der Schwere der Vorwürfe nicht gewusst zu haben und fährt nun mit Fragen auf Burg Schwarzenstein – an Präsidentin Thiel, DSV-Generalsekretär Jürgen Fornoff und Peter Obermark, Vizepräsident Finanzen. Er will wissen, wie sich die Kollegen positionieren. „Die Landesverbände haben auch Fragen. Auch für die Athleten ist das unbefriedigend“, sagt Kohlat. „Der Rechnungshof erhebt solche massiven Vorwürfe ja nicht aus Spaß an der Freude.“

Unter anderem wirft der BRH dem DSV vor, er habe entgegen den zuwendungsrechtlichen Nebenbestimmungen Zahlungen ohne schriftliche Vertragsgrundlage geleistet. Von behandelnden Ärzten und Physiotherapeuten die schriftliche Erklärung nicht immer eingefordert, Doping in keiner Weise zu unterstützen. Honorare an Ärzte und Physiotherapeuten bar ausgezahlt. Reisekosten fehlerhaft abgerechnet und dabei nicht das Mehr-Augen-Prinzip zur Korruptionsprävention gewahrt.

Bei der Europameisterschaft im Wasserspringen in Rostock 2013 habe er Zuwendungsmittel nicht sparsam und teilweise zweckwidrig verwendet. Auch habe der DSV nicht auf ein angemessenes Verhältnis von teilnehmenden Sportlern und anwesenden Funktionären geachtet, deren Kosten er ebenfalls übernahm. Zwischen 2011 und 2013 verbrauchte der DSV Fördermittel von knapp 300 000 Euro nicht, gab sie aber zu spät im Jahr frei. Daher soll das Bundesinnenministerium nun die Höhe der Verbandsförderung prüfen. Kürzungen stehen im Raum.

Thiel hat Fragen, die ihr diese Zeitung schriftlich dazu stellte, unbeantwortet gelassen. Ebenso zu der Feststellung, der Schwimm-Verband habe das Vergaberecht missachtet, indem er Aufträge ohne Preisvergleiche oder Ausschreibungen freihändig erteilte. Die Prüfung des BRH betrifft die Jahre 2011 bis 2013. Im vorigen September setzte sich der DSV erneut dem Verdacht aus, pflichtwidrig gehandelt zu haben.

Da tat er kund, er habe einen neuen Vermarkter seiner Sponsoring- und Medienrechte gefunden. Tridem heißt die Agentur, Geschäftsführer ist Matthias Pietza. Er soll zunächst mit dem bisherigen Vermarkter Jürgen Greve aus Potsdam kooperieren, später dann soll Tridem als exklusive Vermarktungs- und Organisationsagentur des DSV agieren.

Basis stellt sich gegen DSV-Präsidium

Von einer öffentlichen Ausschreibung oder einem Pitch verschiedener Agenturen ist nichts bekannt. Dieser Zeitung antwortete Thiel auf entsprechende Fragen dazu nicht. In den Landesverbänden wissen sie nicht, wie die Vermarktungsstrategie des Verbandes aussieht. Sie fragen sich, ob er überhaupt eine hat. Und sie wollen wissen, inwieweit der externe Vermarkter bei DSV-Veranstaltungen die Hand aufhält. Claudia Heckmann, Präsidentin des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, etwa sagt: „Man sollte sich unterschiedliche Konzepte präsentieren lassen, bevor man sich vollständig in die Hände eines Vermarkters begibt. Ich halte sehr viel davon, offen und transparent mit solchen Sachen umzugehen.“

Ein ordentliches Kommunikationskonzept gibt es im DSV allerdings nicht. Im Rahmen der Verbandsentwicklung sollte eine Projektgruppe ein solches erstellen. Ein Facebook-Auftritt wurde präsentiert, ein moderner Ansatz, der auch Themen abseits des Leistungssports wie Anfängerschwimmen und Aqua-Gymnastik in die Außendarstellung des Verbandes integrieren wollte.

Es wurden sogar Krankenkassen beigebracht, die bereit waren, mit größeren Geldsummen als Sponsor des DSV zu fungieren. Der Verband reagierte darauf jedoch nicht. Weshalb? Weil der DSV „angesichts seiner scheinbar in diesem Jahrtausend aufgebauten Bürokratie und seiner verkrusteten Strukturen nicht in der Lage sein wird, die notwendigen Reformen überhaupt auf den Weg zu bringen“, fürchtet der Berliner Korrespondent für Gesundheitspolitik Wolfgang G. Lange, der die Leitung der Projektgruppe „Kommunikation“ längst aufgekündigt und das DSV-Präsidium als „Oberammergauer Laienspieltruppe“ bezeichnet hat. Oder regierte der Verband auf das Sponsoring-Angebot etwa nicht, weil der Vermarkter dabei leer ausgehen würde?

Leer auszugehen scheint für Präsidentin Thiel eine Option zu sein, die offenbar immer mehr DSV-Mitglieder favorisieren. Ihr Rückhalt an der Basis war bereits beim letzten Verbandtag auf 57,1 Prozent der Stimmen geschmolzen obwohl niemand gegen sie kandidierte. Die nächste Präsidiumswahl steht im November 2016 an.

Und manche glauben, die Schwimm-EM 2014 in Berlin, bei der Thiel an der Seite von Innensenator Frank Henkel in rosa Tigerfell-Ballerinas durch die Schwimmhalle stolzierte und im Athletenhotel nebenan mit den europäischen Schwimmsportfunktionären parlierte, werde wohl ihr letzter repräsentativer Auftritt für den DSV gewesen sei. Viele Stimmen an der Basis halten eine Strukturveränderung im Verband für ebenso unausweichlich wie einen Austausch des Präsidiums – so ähnlich wie bei einem Trainerteam, das gewechselt werden muss, wenn es die Mannschaft nicht mehr erreicht.