In der Heimat ein Star, in Deutschland noch ein unbeschriebenes Blatt: Keita Endo.
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Berlin-KöpenickKeita Endo ist die Anspannung anzumerken. Grüßte der Zugang des 1. FC Union in der vergangenen Woche noch jeden Zuschauer am Trainingsplatz mit einem Lächeln und einem fröhlichen „Guten Morgen“, ist er nun, bei seinem ersten offiziellen Pressetermin in Köpenick, sichtlich nervös. Der 22-Jährige lauscht aufmerksam seinem Übersetzer Jumpei Yamamori, der ihm die auf Deutsch gestellten Fragen ins Japanische übersetzt, antwortet dann konzentriert und professionell, doch beinahe emotionslos. „Ich weiß“, erklärt er, „dass ich momentan vielleicht noch nicht ganz so kommunikativ wirke. Doch vieles ist hier neu für mich und ein wenig Druck verspüre ich auch.“

Druck, den sich der Jungnationalspieler vor allem selbst macht. Endo will loslegen, die Hürden, die ein Wechsel aus Japan in die Bundesliga zwangsläufig mit sich bringt, am liebsten einreißen und allen in Köpenick zeigen, was er kann. So wie er es in Yokohama getan hat, seiner Heimatstadt, wo er bei den Yokohama F. Marinos das Fußballspielen lernte, ehe er sein Team in der vergangenen Saison zur japanischen Meisterschaft schoss und in der WM-Finalstadt von 2002 endgültig zum Starspieler wurde. In seiner Heimat ist er das Werbegesicht für Adidas und Nissan, mehr als 30.000 Menschen folgen ihm auf Instagram. Sein Wechsel nach Berlin löste einen regelrechten Hype in den sozialen Netzwerken aus. Fans zeichnen Manga-Versionen von Endo als Fußball-Superheld, teilen jede noch so kleine Nachricht, die der Youngster produziert, obwohl der wegen einer leichten Verletzung bislang noch kaum trainieren konnte und erst im Test gegen die Würzburger Kickers am Mittwoch (2:0) erstmals auf dem Köpenicker Rasen stand.

Hier in Berlin ist der Rechtsfuß ein noch völlig unbeschriebenes Blatt. Im Team kannte ihn keiner bei seiner Verpflichtung, ihm selbst war nur Neven Subotic ein Begriff. Dass Union-Manager Oliver Ruhnert bei seiner Vorstellung zwar um Geduld mit ihm bat, ihn aber gleichsam in einem Satz mit Shinji Kagawa nannte, der bei Borussia Dortmund einst sofort zum Superstar wurde, gefiel Endo weniger. „Herr Kagawa“, wie der Youngster den Veteran voller Respekt nennt, „ist Herr Kagawa. Ich bin ich.“

Endo kann weder mit dem Starrummel in Japan noch mit vermeintlichen Vorschusslorbeeren etwas anfangen. Er versucht gerade, eine Balance zu finden zwischen den ganz normalen kulturellen Schwierigkeiten, die der Wechsel nach Deutschland mit sich bringt, und den Ansprüchen an sich selbst. Als er sich selbst einschätzen soll, antwortet er mit einem einzigen Satz: „Ich kann nicht verlieren.“ Seit seiner Ankunft paukt er autodidaktisch Deutsch-Vokabeln. „Ich habe mir, nachdem der Wechsel nach Berlin feststand, mental bewusst gemacht, welche Hürden auf mich zukommen werden“, erklärt er. Die Sprache erkannte er als größte Hürde.

Eine andere ist die Esskultur. „Ich habe unterschätzt, wie wenig Reis man in Deutschland bekommt – und wie viel Brot“, erklärt er. Mitspieler Christopher Lenz nahm sich schließlich des Neulings an, ging mit ihm in ein paar japanische Restaurants, „damit er uns hier nicht verhungert“, und half ihm auch bei der Wohnungssuche. „Jetzt habe ich eine schöne Bleibe in der Innenstadt“, erklärt Endo, der den täglichen Weg zum Training vorerst jedoch noch nicht selbst fährt, weil er Linksverkehr aus Japan gewöhnt ist. Stattdessen chauffieren ihn Lenz oder Stürmer Cedric Teuchert, der ebenfalls neu in Berlin ist. „Langfristig will ich aber selbst zum Training fahren, ich brauche nur noch etwas Übung beim Rechtsverkehr.“

Keita Endo zwingt sich selbst, bei allem Ehrgeiz lieber einen Schritt nach dem anderen zu gehen. Ob beim Autofahren oder auf dem Fußballfeld. „Nach meiner Verletzung habe ich noch ein wenig Trainingsrückstand, weshalb ich in der nächsten Zeit erst einmal die Spielphilosophie des Trainers verinnerlichen muss“, erklärt er. Langfristig will er mit seinem Tempo, seinen Fähigkeiten im Eins-gegen-Eins erst den 1. FC Union und dann die Bundesliga bereichern. Sein Übersetzer Jumpei Yamamori, der schon mit Kickern wie Naohiro Takahara, Hiroshi Kiyotake oder eben Shinji Kagawa arbeitete, sagt: „Man merkt, dass Keita alles beobachtet, sich anpasst und dabei gleichsam versucht, sich nicht zu verbiegen.“ Eine schwere Aufgabe für einen 22-Jährigen, fern der Heimat. Aber eine, die Keita Endo meistern will.