Berlin - Keven Schlotterbeck grübelt. Nein, so richtig weiß er nichts über Halberstadt, das Reiseziel seines 1. FC Union in der ersten Runde des DFB-Pokals. Halberstädter Würstchen? Kennt er nicht. Der Innenverteidiger überlegt weiter. Dann fällt ihm doch noch etwas ein: „Nils Petersen kommt doch aus Halberstadt. Und sein Vater war da mal Trainer, oder?“

Petersen, Nationalstürmer und Schlotterbecks Mitspieler beim SC Freiburg, stammt tatsächlich aus der Stadt im Harz, sein Vater Andreas hat sich allerdings nach nicht vollends geklärten Bestechungsvorwürfen rund um Unions Pokalgegner SV Germania und einer schweren Erkrankung vorerst aus dem Vereinsumfeld zurückgezogen.

Wie dem auch sei, Keven Schlotterbeck fährt am Sonntag ja ohnehin nicht zur Unterhaltung nach Halberstadt. Für den 22-Jährigen geht es nach der aufreibenden Vorbereitungsphase um einen Platz in der Startelf − erst im Pokalspiel, dann zum Liga-Auftakt gegen RB Leipzig, eine Woche später.

Dass der gebürtige Weinstädter aktuell die besten Karten auf einen Platz in der ersten Mannschaft hat, liegt vor allem an der beeindruckenden Reife, die er von Anfang an in Köpenick ausgestrahlt hat.

Schlotterbeck, der in keiner Jugendakademie ausgebildet wurde − „deshalb konnte ich meine Jugend auch wie ein normaler Teenager erleben“ − und erst mit 20 aus Backnang zu Freiburgs Regionalligamannschaft wechselte, hält nichts von großen Kampfansagen, bleibt stattdessen lieber demütig und lobt die zahlreiche Konkurrenz.

„Aktuell trainieren fünf Innenverteidiger regelmäßig mit. Ich würde nicht sagen, dass es auf meiner Position eng wird und der Trainer in Halberstadt gar nicht anders kann, als mich aufzustellen. Ich glaube, er hat uns alle auf dem Zettel.“

Verfechter des Kollektivs

Es sind Aussagen wie diese, die vermuten lassen, dass sich Urs Fischer und Keven Schlotterbeck bestens verstehen dürften. Auch der Schweizer Fußballlehrer schätzt das Kollektiv vor dem Individuum und setzt am liebsten auf Spieler, die diese Auffassung teilen und im Match keine riskanten Alleingänge starten, die den akribisch erdachten Spielplan sprengen könnten.

Doch nicht nur deshalb sollten Fans der Eisernen mit einem Einsatz von Schlotterbeck in Halberstadt rechnen. Denn auch, wenn der 22-Jährige in den vergangenen Tagen tatsächlich mit bis zu vier Innenverteidigerkollegen trainierte, so sind noch lange nicht alle davon auch einsatzbereit.

Lars Dietz und Lennard Maloney suchen beide nach Leihklubs. Florian Hübner absolvierte in der kompletten Vorbereitung nur zwei volle Einheiten mit der Mannschaft. Zugang Neven Subotic fehlt ebenfalls Spielpraxis. Marvin Friedrich ist im Pokalspiel gesperrt. Es bleibt Urgestein Michael Parensen, ein Linksfuß wie Schlotterbeck, was einen Einsatz der beiden im Harz eher unwahrscheinlich macht. Auch deshalb sagt Unions Trainer: „Subotic ist zumindest eine Überlegung, wir warten das Abschlusstraining ab.“

Keven Schlotterbeck ist sein Nebenmann übrigens völlig egal. „Ich glaube, ich kann mit jedem gut zusammenspielen.“ Weil in der Inneverteidigung selten rochiert wird, winkt der Leihgabe bei einem erfolgreichen Debüt sogar ein Stammplatz − und zur Belohnung am Sonntag vielleicht sogar ein Paar Halberstädter Würstchen.