Zuschauer bei Tennis Borussia: Kevin Kühnert ist oft im Mommsenstadion.
Foto: Matthias Koch

BerlinKürzlich hat Kevin Kühnert, Fußballfan, Chef der Jungsozialisten und SPD-Bundesvize, die Große Koalition mit einer „Spielgemeinschaft zwischen Dortmund und Schalke“ verglichen.    Der Berliner liebt den Stadionbesuch, meist sucht er nach Sitzungen auf seiner App ein Spiel aus, das auf dem Heimweg liegt. Der 30-Jährige, den seine Mutter nach dem englischen Stürmer Kevin Keegan benannte, freut sich auf den Bundesliga-Start nach der Winterpause.  

Herr Kühnert, Jürgen Klinsmann will Hertha BSC zum Big City Club machen. Berlin lechze als Hauptstadt nach einem Äquivalent zu Paris St. Germain oder Real Madrid. Kennt er die Stadt da richtig?

Berlin hat dutzende Lebensgefühle und nicht eines, das alle teilen. Ich weiß dementsprechend weder, ob er die Stadt, noch ob er seinen Verein gut genug kennt. Zumal Hertha diese Abbiegung ja verpasst hat, als sie, warum auch immer, entschieden haben, sich als „Verein für die ganze Stadt“ zu vermarkten. Da fühlt sich dann weder das kosmopolitische Publikum, das Klinsmann wohl vor Augen hat, noch die Hertha-Basis in den Außenbezirken explizit angesprochen. Entweder ist man der Vollsortimenter oder man spezialisiert sich. Und Hertha hat als Vollsortimenter in Berlin das bekannte Ergebnis: einen Zuschauerschnitt von deutlich unter 50 000.

Also wird es bei der Hertha trotz Klinsmann und den Millionen von Investor Windhorst auch künftig noch freie Plätze geben?

In Berlin herrscht eine Reizüberflutung, was sportliche und kulturelle Angebote angeht. In fast allen Sportarten gibt es Erstligisten. Niemand, der Spitzensport sehen will, ist also gezwungen, ausgerechnet ins Olympiastadion zu gehen. Die Basis von Hertha sind und bleiben eingeborene Berliner, die früher einmal von Vater oder Opa mitgenommen worden sind. Union schafft es in meinem privaten Umfeld deutlich besser, die Zugezogenen und Zweitvereinsmenschen anzuziehen.

Sie selbst sind Fan des Oberligisten TeBe Berlin, der Ende der Neunzigerjahre zuletzt Zweite Liga spielte. Wie wird man denn im frisch wiedervereinigten Berlin ausgerechnet Fan eines westdeutschen Nischenvereins?

Als ich anfing, mich für Fußball zu interessieren, ist Union noch viel klarer als heute ein Ostberliner Verein gewesen und war weit weg. Mein erstes größeres Spiel war eben mit meinem Opa im Juni 1999 im Mommsenstadion, es ging damals gegen Ulm um den Bundesliga-Aufstieg, der prompt verspielt wurde – mein erstes richtiges Stadionerlebnis.

Damals waren Sie kurz vor Ihrem zehnten Geburtstag. Später saßen Sie in den Fanbussen zu den Auswärtsspielen nach Rathenow und Stendal.

Eine Allesfahrer-Saison habe ich nie geschafft, aber 28 von 30 Spielen habe ich in einer Spielzeit mal gesehen. Das ging über die ganzen böhmischen Dörfer. Torgelow, Neustrelitz, wir haben sie alle mitgenommen. TeBe hatte schon damals ein bisschen die Nischenrolle, die Altona 93 in Hamburg einnimmt.

Anfeindungen waren da fasts schon an der Tagesordnung. Zuweilen rekrutierte sich auch der Sicherheitsdienst aus der lokalen Naziszene.

Kevin Kühnert

Als Westberliner Verein mit jüdischen Wurzeln und einer linken Fanszene war das nicht unproblematisch.

Anfeindungen waren da fast schon an der Tagesordnung. Zuweilen rekrutierte sich auch der Sicherheitsdienst aus der lokalen Naziszene. Und die haben keinen Zweifel daran gelassen, was sie von uns halten. Wenn von den gegnerischen Fans „Lila-weiß ist schwul“ skandiert wurde, haben wir das einfach mitgesungen. Ironie war halt auch die beste Waffe. Wenn der Plan gewesen wäre, sich gegenseitig auf die Schnauze zu hauen, hätten wir meistens eh verloren.

Und wie wird man Fan von Arminia Bielefeld, Ihrem Zweitverein?

Das fing an nach dem Abi. Ein paar Freunde und ich haben uns das Tramper-Monatsticket der Bahn gekauft, mit dem man günstig durch Deutschland fahren kann. Ehrlich gesagt haben wir das fast nur zum Groundhoppen genutzt, so waren wir auch bei einem Montagsspiel auf der Alm. Als Fußballinteressierter fand ich das Stadion attraktiv. Irgendwann habe ich dann eine Studie gelesen, wonach Arminia der unbeliebteste deutsche Proficlub sei – dabei hätten so viele andere diesen Platz eher verdient. Irgendwann ist da so ein Spleen daraus geworden. Ich bin so gestrickt, dass ich mich da zunehmend reinfuchse, bis zur Dauerkarte in dieser Saison.

War das ein Kompensationsgeschäft mit Arminen-Fan und 11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster, der zeitgleich in die SPD eintrat?

Diesen Zusammenhang habe ich per Twitter eher im Spaß hergestellt. Die Dauerkarte hätte ich eh gekauft.

TeBe hat Schlagzeilen gemacht, weil die Fanszene sich gegen den Investor Jens Redlich zur Wehr setzte, der sich mit zweifelhaften Methoden Mehrheiten organisieren wollte.  

Wie wir mittlerweile wissen, waren die Methoden nicht nur zweifelhaft, sondern rechtswidrig. Redlich war schon Hauptsponsor bei TeBe, als ich noch im Aufsichtsrat war. Damals machte er Front gegen eine Regenbogenfahne mit Vereins-Emblem, wohlgemerkt, ein Bekenntnis gegen Homophobie. Keiner hatte zur Revolution aufgerufen. Aber er sah schon darin ein Hindernis, um neue Zuschauerschichten zu erschließen.

DPA/Carsten Koall
Zur Person

Politik: Kevin Kühnert wurde am 1. Juli 1989 in West-Berlin geboren.   Er trat 2005 in die SPD ein. Im November 2017 wurde er auf dem Bundeskongress der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in Saarbrücken zum Vorsitzenden gewählt. Seit dem 6. Dezember 2019  ist er zudem  stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD.  
Fußball: Seit mehr als zwanzig Jahren ist Kühnert Fußballfan von Tennis Borussia, eine Zeit lang war er Vorsitzender einer TeBe-Fansektion. Außerdem drückt er Arminia Bielefeld und dem FC Bayern München die Daumen.

Der Konflikt war programmiert.

Bei TeBe war es vor Redlich schon zweimal so, dass man sich Investoren ausgeliefert hat, beide Male endete das mit der Insolvenz. Auch Redlich hat schnell diktatorische Züge an den Tag gelegt, demokratische Prozesse haben keine Rolle mehr gespielt. Der Mann ist Besitzer einer Fitnessstudio-Kette, der ein Spielzeug haben wollte – das sollten dann wir sein. Offenbar litt er schwer darunter, dass man den Namen eines Muckibuden-Besitzers halt eher nicht kennt. Da verleiht Fußball eine ganz andere Prominenz.

Was dem zugrunde liegt, ist aber auch ein politischer Konflikt, oder?

Klar, als in den Neunzigern die Kapitalmärkte geöffnet worden sind, haben manche Leute schnell gemerkt, dass auch Fußball ein Kapitalmarkt sein kann, in dem man sich Fußballvereine kaufen und wieder abstoßen kann. Die Antwort darauf ist die 50+1-Regel. Noch trauriger ist allerdings, dass es auch bei klassischen eingetragenen Vereinen ein Erpressungspotenzial gibt, vor allem bei Traditionsvereinen, die unbedingt Geld brauchen. „Ich als Verein musste handeln“, hat bei Fortuna Köln mal ein Präsident gesagt. So läuft es vielerorten. Und drumherum wird ein demokratisches Kulissenbild aufgebaut.

Von den linken, szeneaffinen TeBe-Fans, die sich da gegen einen vermeintlichen Alleinherrscher bei ihrem Verein wehren, dürften Sie einer der wenigen sein, der SPD wählt. Frustrierend, oder ?

Was die alle wählen, ist mir relativ egal. Über die Jahre haben aber immer mehr Jusos den Weg zu TeBe gefunden, da gab es einen kleinen Schneeballeffekt. Und mit Christian Gaebler sitzt der Chef der Berliner Senatskanzlei im TeBe-Aufsichtsrat und hat maßgeblich geholfen, den Verein wieder in die Hände seiner Mitglieder zurückzuholen. So etwas ist mir als Sozi wichtig.

Die Innenminister diskutieren derzeit verschärfte Maßnahmen gegen Dschihadisten und Fußballfans. Was sagen Sie als jemand, der Fankurven kennt, dazu?

Ich glaube, dass es weder in der Politik noch in anderen Teilen der Gesellschaft ein einheitliches Bild von Fußballfans gibt. In meinem Umfeld haben zahlreiche Politiker begriffen, dass immer mehr Repression der falsche Weg ist. Der Versuch, Fahnen und Doppelstockhalter zu verbieten und mit Stadionverboten um sich zu werfen, ist ja auch gescheitert. Und mit ihm der Versuch, den Langnese-Familienblock zum Ideal zu erklären. Das Erlebnis, das Jahr für Jahr zehn Millionen Menschen ins Stadion zieht, kann nicht künstlich durch irgendeine Agentur erzeugt werden.

Und das soll eine Erkenntnis sein, die auch die Parteien teilen?

Als Hoffenheim und RB Leipzig aufgekommen sind, gab es einen breiten Konsens, der weit über die Kurven hinausging und den auch viele Politiker teilen: Was bei Traditionsvereinen passiert, die es seit 120 Jahren gibt und bei denen eine gewachsene Fankultur herrscht, ist etwas ganz anderes, als wenn jemand von heute auf morgen ein Stadion auf die grüne Wiese stellt und wie aus dem Nichts Bundesliga spielt. Ich glaube, es gab da einen großen Solidarisierungseffekt nach dem Motto: „Lieber unsere Ultras in der Kurve als ein seelenloses Kunstprodukt“. Aber es stimmt schon: Nicht bei jedem Innenpolitiker hat sich herumgesprochen, dass Prävention, Deeskalation und gut finanzierte Fanprojekte nachhaltiger wirken als Polizeiketten mit heruntergeklappten Helmen.

Immerhin ist Rassismus in den ersten beiden Ligen kein so großes Thema mehr wie zu den Zeiten, als Sie begonnen haben, sich für Fußball zu interessieren, oder?

In den Neunzigern waren viele Kurven ein Biotop für Neonazis. Als Massenphänomen ist Rassismus heute unsichtbarer geworden. Wer Affenlaute von sich gibt, kann nicht mehr mit Applaus rechnen. Ich erlebe aber noch erstaunlich oft, dass einzelne Leute rassistische Beleidigungen rufen, bei den Umstehenden die Hemmschwelle aber immer noch sehr hoch ist, sich umzudrehen und zu sagen: „Halt die Schnauze“. Und auch wenn ich es völlig richtig finde, dass Mesut Özil nicht mehr für die Nationalmannschaft spielt, hat man gemerkt, dass immer noch einige ein Problem damit haben, wenn einer mit diesem Namen überhaupt für Deutschland spielt. Nur, dass sie jetzt so tun, als läge das nur an Özils Erdogan-Sympathien.

Die meisten Kinder sind heute Fans der großen Vereine: Real, Barça, PSG. Macht Ihnen das als Fan eines Fünftligisten Sorge?

Nein, das ist zunächst ja nur eine logische Folge aus Globalisierung und Digitalisierung. In meiner 90er-Jahre-Kindheit hat man sich noch nicht auf dem Handy alle möglichen Ligen angeschaut, und Ronaldo war damals nicht via Instagram-Story präsent. Heute ist der internationale Spitzenfußball bei uns allen zuhause. Und wenn dann beim Training alle ein Messi-Trikot tragen, muss ich als Siebenjähriger schon sehr charakterstark sein, um mit dem Trikot eines namenlosen Spielers des 1. FC Kaiserslautern herumzulaufen.

Schlechte Aussichten für den FCK.

Warum? Der Teenager in der Pfalz, der Livefußball schauen will, wird auch 2030 sein erstes Spiel am Betzenberg sehen. Weder das Netz noch das Fernsehen ersetzen das Stadionerlebnis. Deshalb ist eine selbstbewusste Fankultur so unendlich wichtig.