Testlauf gegen Montenegro: Kim Naidzinavicius prüft die gegnerische Abwehr. Die 28-Jährige soll dem deutschen Handballteam mit ihrer Erfahrung helfen.
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TokioMit 17 hat man noch Träume. Kim Naidzinavicius   zum Beispiel. Es war das Jahr 2008, die deutschen Handballerinnen   hatten einen Lauf. Ins Halbfinale der Europameisterschaft zogen sie ein, an Olympia in Peking nahmen sie Teil. Und Kim Naidzinavicius wurde Weltmeisterin mit den Juniorinnen, berechtigte zu Hoffnungen, die sich jedoch nicht erfüllten.

Das sollte man wissen, wenn man das Team des Deutschen Handballbundes von diesem Sonnabend an bei der Weltmeisterschaft in Japan verfolgt; gegen Brasilien startet es ins Turnier (7 Uhr MEZ), das so wichtig ist für die inzwischen 28 Jahre alte Kim Naidzinavicius. „Olympia ist ein Riesentraum von uns allen, aber für einige ist es wohl die letzte Chance“, sagt die Rückraumspielerin von der SG BBM Bietigheim, und es dürfte klar sein, dass sie sich in diesen Kreis von Spielerinnen einschließt.

Nicht schon wieder will Kim Naidzinavicius eine Chance verpassen. Verpasste Chancen hatte sie genug. Als 2017 die Weltmeisterschaft in Deutschland stattfand, lief sie zum Eröffnungsspiel auf. Doch schon nach 140 Sekunden zog sie sich einen Kreuzbandriss zu. Fast auf den Tag genau zwei Jahre liegt das nun zurück. „Ich versuche das komplett auszublenden und schaffe es in der Regel auch ganz gut“, sagt Kim   Naidzinavicius: „Außer, ich werde danach gefragt.“

Die Leidensgeschichte der Kim Naidzinavicius war damit noch nicht beendet. Im September 2018 kehrte sie ins Spielgeschehen zurück,   doch schon zwei Monate später folgte der nächste Rückschlag. Die Rückraumspielerin riss sich den Innen- und Außenmeniskus, im selben Knie. Die Europameisterschaft 2018? Für Kim Naidzinavicius war sie nun kein Thema mehr. Deutschland gewann in der Hauptrunde gegen Tschechien, verlor aber gegen Dänemark und Spanien und landete schließlich auf Platz neun.

Groener hält viel von Naidzinavicius

„Ihre Ruhe und sicheren Pässe haben uns im Vorjahr gefehlt“, sagt Bundestrainer Henk Groener jetzt in Japan über Naidzinavicius. Groener hält viel von der Spielführerin seiner Auswahl. „Kim besitzt große Führungsqualitäten und ist seit Jahren eine zentrale Figur in ihrem Verein und der Nationalmannschaft“, sagt der Niederländer.

Führungskraft beim deutschen Meister Bietigheim, soll sie auch im Nationalteam die Richtung vorgeben. Mindestens Siebte müssten Naidzinavicius und ihre Mannschaft werden. Damit hätten sie die Teilnahme an einem von drei Qualifikationsturnieren im nächsten Frühjahr definitiv sicher. „Da macht man sich in gewisser Weise natürlich Druck“, sagt Naidzinavicius.

Ich hatte eine Phase, in der es nicht so gut lief, und habe daraus gelernt, andere Sachen wieder mehr zu schätzen.

Kim Naidzinavicius

Dank ihrer Erfahrung kann sie damit ganz gut umgehen. Immerhin ist Naidzinavicius mit 101 Länderspielen die einzige Spielerin im deutschen WM-Aufgebot, die die Hunderter-Marke im DHB-Trikot geknackt hat. Ohne die schweren Verletzungen wären es viel mehr gewesen. Aber sie sagt: „Ich hatte eine Phase, in der es nicht so gut lief, und habe daraus gelernt, andere Sachen wieder mehr zu schätzen.“ Und in einem Interview der Handballwoche verriet sie: „Ich habe durch meine Verletzungen viel verpasst, würde aber alles für eine Teilnahme in Tokio eintauschen. Auf Olympische Spiele guckt man, seitdem man zum ersten Mal das Deutschland-Trikot übergestreift hat. Für mich ist es das Nonplusultra, ich will unbedingt dahin.“

Brasilien, sagt Naidzinavicius, müsse unbedingt bezwungen werden. Es folgen die Gegner Australien am Sonntag, Dänemark am 3. Dezember, Frankreich am 4. und Südkorea am 6. Dezember. „Mit zwei Siegen, sagt Naidzinavicius, „können wir in einen positiven Run kommen.“ Den Run nach Tokio.