Nach dem Titelgewinn feiern die Fans des FC Liverpool an der Anfield Road.
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Berlin/LiverpoolEs gibt Situationen, auf die man sich nicht vorbereiten kann, auch wenn eigentlich genug Zeit dafür gegeben ist. Man kann sich nur vorstellen, wie es sein könnte, wenn sie eintreten. Der FC Liverpool befand sich auf einer Prozession in dieser Saison in der Premier League. Kein Konkurrent konnte auch nur annähernd mithalten mit dem Traditionsklub aus Merseyside. Im November führte die Mannschaft von Trainer Jürgen Klopp Titelverteidiger Manchester City vor. An Weihnachten zerlegte Liverpool den Überraschungsverfolger Leicester City. Im Januar wurde auch Erzfeind Manchester United souverän beiseitegeschoben. Spätestens, allerspätestens seitdem stand fest, dass Liverpool in dieser Saison Meister wird, zum ersten Mal seit 30 Jahren.

Doch als es dann auch rechnerisch so weit war, nach der Niederlage des Tabellenzweiten Manchester City beim FC Chelsea am Donnerstagabend, da wusste Klopp nicht, wie er mit dem Moment umgehen sollte. „Ich habe keine Worte, ich bin komplett überwältigt“, sagte er in einer Video-Schalte mit Sky Sports, sichtlich geschafft, mit Tränen in den Augen. Meister mit Liverpool, das hätte er nie zu träumen gewagt, sagte er. Und: „Es bedeutet mir alles. Es ist irre, es ist riesig. Seit letztem Jahr habe ich gewartet, dass wir diesen Titel gewinnen. Ich hätte nicht gedacht, dass es sich so groß anfühlt.“ Was wirkte wie Koketterie, das kann man ihm guten Gewissens glauben. Kaum jemand hätte ja bei seiner Ankunft in England im Oktober 2015 damit gerechnet, dass es ihm gelingt, den Verein von den Fesseln der Geschichte zu befreien und den seit 1990 dauernden Meister-Fluch zu beenden.

Die Jagd nach dem Titel ist für den FC Liverpool zur Obsession geworden in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten. Den Champions-League-Pokal in der abgelaufenen Saison hätten viele Fans liebend gerne gegen die Meisterschaft getauscht. Jetzt ist ihre Sehnsucht erfüllt, mit dem insgesamt 19. nationalen Titel für den Klub, dem ersten im Zeitalter der Premier League. Wenn man so will, ist Liverpool erst jetzt in der Moderne angekommen, angeführt durch Klopp, das „faustschwingende Genie, das Träume wahr gemacht hat“, wie das Online-Portal The Athletic schreibt.

Wegen der Bedeutung des Titels war es nicht überraschend, dass viele Fans die Corona-Regeln ignorierten und sich am Stadion an der Anfield Road versammelten. Im Schein Bengalischer Fackeln wurde gefeiert, als gäbe es das Virus nicht. Möglicherweise deutete die Reds-Gemeinde den Titel sogar als Sieg über die Pandemie. Der Lockdown des weltweiten Fußballs hatte die Meisterschaft ja mehr infrage gestellt als jeder Gegner in der Premier League.

Genüßlich hatten missgünstige Beobachter in den vergangenen Monaten spekuliert, dass die Saison abgebrochen und Liverpools bevorstehender Titel annulliert werden könnte. Klopp musste sich zuletzt sogar mit der Frage befassen, ob die Meisterschaft weniger wert ist wegen der besonderen Umstände, wegen leerer Stadien und Fan-Gesängen aus der Dose. Er hat seine eigene Antwort darauf gefunden: „Dies ist die schwerste Saison, um Meister zu werden. Eine unterbrochene Saison gab es nie zuvor“, sagte er vor dem Neustart der Premier League.

Das gab es nie zuvor, das lässt sich auch über die Leistung seiner Mannschaft sagen. Liverpool ist mit noch sieben verbleibenden Spielen der früheste Meister überhaupt und könnte noch den Rekord von 100 Punkten brechen, den Manchester City vor zwei Jahren aufgestellt hat. Die Elf von Trainer Pep Guardiola war in England das Maß der Dinge in den vergangenen beiden Spielzeiten. In der Vorsaison verlor Liverpool nur ein einziges Spiel und landete trotzdem hinter dem Rivalen mit Sponsoring aus Abu Dhabi. In der laufenden Spielzeit demütige Liverpool den Titelverteidiger. Da passt es ins Bild, dass Klopps Mannschaft ihren ersten Auftritt als Meister am Donnerstag bei Manchester City hat. Citys Spieler werden Spalier stehen für den neuen Champion.

Liverpool hat neue Helden, und natürlich steht Jürgen Klopp im Zentrum.
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Die Erlösung vom Titel-Trauma ist der vorläufige Höhepunkt der Verwandlung des FC Liverpool seit Klopps Ankunft. Der Trainer hat den Verein wieder zu dem gemacht, was er einst war. Er hat die Fans wieder begeistert und Anfield den Status als Festung zurückgegeben. Er hat mithilfe unzähliger Analysten und der finanziellen Unterstützung der amerikanischen Klub-Eigentümer der Fenway Sports Group eine Mannschaft gebaut, die seinem Ideal entspricht. Er hat ihr einen klaren Stil und eine unverwüstliche Mentalität verpasst. „Eine Maschine auf der Höhe ihrer Kraft“, so nennt der Guardian Klopps Liverpool.

Vom ersten Tag hat der Trainer die Menschen in Merseyside für sich eingenommen, seit seiner Vorstellung als „the normal one“, womit er sich vom polarisierenden José „the special one“ Mourinho abgrenzen wollte. Doch der Weg zur Krönung war steinig. Es dauerte eine Weile, bis Klopp seine Wunsch-Elf zusammen hatte, bis die notorische Abwehrschwäche behoben war und Liverpool auch gegen kleinere Mannschaften verlässlich Siege einfuhr. Es flossen Tränen auf dem Weg, vor allem nach dem verlorenen Champions-League-Finale gegen Real Madrid 2018. Mit dem Gewinn der Meisterschaft ist Klopp endgültig zur Legende geworden in Liverpool, genauso, wie ihm das vorher schon bei Mainz 05 und Borussia Dortmund gelungen war.

Steven Gerrard, Liverpools langjähriger Kapitän, dem nie eine Meisterschaft vergönnt war, fordert sogar eine Statue für den Trainer. Klopp sagte dazu am Freitag in einer virtuellen Pressekonferenz nur Folgendes: „Ich habe kein Interesse an einem Legendenstatus, das könnt ihr machen, wenn ich wieder weg bin. Aus meiner Sicht kann man mich mit solchen Vereinsikonen nicht vergleichen, ich bin erst seit vier Jahren hier. Aber ich liebe diesen Club, ich liebe diese Mannschaft.“

Die Statue könnte es tatsächlich irgendwann geben, möglicherweise nach weiteren Erfolgen. „Solange Jürgen da ist, können wir uns noch auf viele schöne Tage freuen“, sagt Kenny Dalglish, der wohl größte Spieler der Vereinsgeschichte und Meistertrainer vor 30 Jahren. Sein Spitzname lautet King Kenny. Jürgen Klopp ist jetzt: King Klopp. Und der Mann, der noch lange nicht genug hat vom LFC: „Wir haben große Träume, das heißt nicht, dass wir sie erreichen. Aber wir sollten versuchen, sie zu erreichen.“