Kjetil Rekdal findet: "Man kann sich nicht nach oben verteidigen"
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Berkin Der Norweger Kjetil Rekdal, 51, war von 1998 bis 2000 Kapitän von Hertha BSC und bestritt 64 Bundesligaspiele für den Berliner Bundesligisten. Herthas Fans wählten den Abwehrchef und Mittelfeldstrategen einst in die „Jahrhundert-Elf“. Rekdal bestritt 83 Länderspiele für Norwegen und war später Trainer bei Valerenga Oslo, Lierse SK (Belgien), dem 1. FC Kaiserslautern, Aalesund FK und Start Kristiansand. Rekdal lebt mit seiner Familie in Hamar und kann von seinem Zuhause aus auf die olympische Eislaufhalle der Spiele von 1994 schauen. Er arbeitet derzeit als TV-Experte.  

Kjetil, haben Sie das jüngste 0:5 von Hertha BSC gegen Köln gesehen?

Ich konnte mir nur Ausschnitte anschauen, aber die Niederlage hat mich nicht überrascht.  

Wieso?  

Das war typisch Hertha. Nach einem Sieg auswärts glaubte man sich auf der sicheren Seite, aber zu Hause im Olympiastadion kann die Mannschaft nur selten einen Gegner dominieren, ein Spiel bestimmen. Die Heimschwäche mit sieben Niederlagen ist eklatant. Der Mannschaft fehlt aus meiner Sicht die richtige Strategie, das richtige System. Sie ist anfällig und ausgekontert worden. Nur die Höhe der Pleite hat mich überrascht.  

Wie intensiv beobachten Sie Ihren ehemaligen Verein, in dem Sie einst eine starke Rolle spielten?  

Ich schaue viele Hertha-Spiele, aber natürlich auch die Premier League, kommentiere im Fernsehen derzeit die norwegische Liga. Für mich herrscht bei Hertha seit vielen Jahren irgendwie Stillstand. Man ist zweimal abgestiegen und hat sich danach im Mittelfeld der Liga etabliert und eingerichtet. Das ist zu wenig. Ich vermisse eine deutliche Philosophie, wo man sieht: Das ist Hertha BSC! So wollen wir spielen! So wollen wir Erfolg haben!  

Ihr ehemaliger Mitspieler Pal Dardai brachte aber als Trainer über vier Jahre viel Stabilität in die Mannschaft und befand sich immer in sicheren Gefilden der Liga.

Das stimmt. Pal hat einen überragenden Job gemacht. Aber den nächsten Schritt hin zu offensivem und erfolgreichen Fußball, den Angriff auf die obere Tabellenhälfte, konnte er nicht schaffen. Dafür fehlten ihm die geeigneten Spieler und Manager Michael Preetz bis dato die finanziellen Möglichkeiten.  

War es ein Fehler, sich von Dardai zu trennen?

Viereinhalb Jahre Cheftrainer bei einem Verein in der Bundesliga ist selten. Nach einigen Jahren ist man verbraucht, auch wenn man eine gute Arbeit leistet. Drei Jahre in Serie bei einem Klub ist heutzutage schon selten.  

Wie sollte Hertha denn nun spielen?

Nach dem Einstieg von Investor Lars Windhorst konnten ja Profis mit hoher Qualität verpflichtet werden. Mit guter Organisation, einer ordentlichen Abwehr und Konterfußball kann man in der Bundesliga einige Zeit gut überleben, aber wenn du in die Spitzengruppe eindringen und nach Europa willst, musst du eine offensive Ausrichtung haben und die Gegner im eigenen Stadion total unter Druck setzen. Das fehlt mir bei Hertha seit Jahren. Man kann sich nicht nach oben verteidigen.  

Ist der Eindruck richtig, dass es mehr Persönlichkeiten auf dem Platz gab, als Sie zusammen mit Michael Preetz, Pal Dardai, Jolly Sverrisson oder Dick van Burik bei Hertha spielten und sogar die Champions League erreichten?  

Das stimmt. Heute fehlen Hertha richtige Anführer. Wir waren damals erfolgreich, weil wir nie zufrieden waren. Wir wollten immer mehr. Viele haben Verantwortung übernommen und wir haben auf dem Platz vieles selbst geregelt. Wenn einer nicht mitzog, bin ich als Kapitän auch sehr laut geworden.  

Hertha besitzt jetzt große finanzielle Möglichkeiten. Was sollte man tun in der aktuellen Situation?  

Erst einmal muss man die Klasse halten. Das Spiel am Freitag in Düsseldorf wird sicher ein heißes Duell. Ich kenne Fortuna-Trainer Uwe Rösler gut, der war ja Trainer in Lilleström, Stavanger und Molde. Der ist sehr energisch und macht richtig Dampf. Aber Hertha hat ja auswärts immerhin schon viermal gewonnen. Für die Zukunft muss man sich fragen: Was wollen wir eigentlich? Welche Spielertypen wollen wir holen? Wie kriegen wir das Olympiastadion voll? Welche Typen wollen unsere Fans sehen?   

Welche Art Trainer braucht Hertha im Sommer?  

Das ist aus der Ferne schwer zu beurteilen, aber ich glaube, das sollte ein Stratege mit Erfahrung sein, der ein Team weiterentwickeln und auf eine neue Stufe bringen kann. Mit einem klaren Konzept, mit Offensivpower.  

Haben Sie denn Ambitionen?

Ach, Norweger und Hertha – das passt. Das sieht man an Rune Jarstein oder Per Skjelbred, der ja nun nach vielen Jahren als Stütze der Hertha nach Trondheim zurückkehrt. Ich selbst lebe immer noch einen Traum – einmal die Hertha zu trainieren.