Hertha BSC trainiert fleißig für die Wiederaufnahme der Bundesliga-Saison.
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BerlinEs ist eine Ewigkeit her. Am 8. Juni 1991 trat Hertha BSC um Kapitän Dirk Greiser zum Spiel bei Bayer Uerdingen an. In der Grotenburg-Kampfbahn, die 34 500 Zuschauer fasst, verliefen sich 3 000 Fans. Von einer „geisterhaften Atmosphäre“ schrieben die Berichterstatter. Hertha stand in der Saison 1990/91 schon lange als Absteiger fest. Daran änderte auch der 2:1-Sieg nichts mehr. Doch die 3 000 Zuschauer auf den Rängen sind bis zum heutigen Tag die kleinste Kulisse geblieben, vor der je ein Hertha-Team in der Ersten Bundesliga spielen musste.

Das könnte sich bald ändern. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hofft, am 9. Mai die wegen des Corona-Virus unterbrochene Saison fortsetzen zu können. Mit Geisterspielen.

Doch was hat die Zwangspause mit den Spielern gemacht? Werden die restlichen neun Spieltage noch einen fairen Wettkampf zulassen? Oder verkommt alles zu einem riesigen Glücksspiel?

Vorteil für Augsburg?

Ich habe keine schlüssigen Antworten. Besitzt etwa der FC Augsburg einen Vorteil, weil Trainer Heiko Herrlich mit behördlicher Genehmigung schon seit dem 23. März Mannschaftstraining in kleinen Gruppen auf dem Rasen durchführen durfte – also zwei Wochen früher, als die meisten anderen Teams? Ist Hertha benachteiligt, weil die Mannschaft 14 Tage in Quarantäne lebte? Profi Maximilian Mittelstädt war ja positiv getestet worden. Es gibt unendlich viele Unwägbarkeiten.

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Hertha-Kenner

Michael Jahn begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten den Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Immer mittwochs gibt er in dieser Kolumne seine Expertise zu der Mannschaft, dem Klub und seinem Umfeld ab.

Interessant ist die Meinung von Sebastian Kehl, 40, Leiter der Lizenzspielerabteilung von Borussia Dortmund, die er im Kicker kundtat: „Der Neustart der Liga wird die Bundesliga-Tabelle durcheinanderwirbeln!“ Steigt also Paderborn doch nicht ab? Verspielt Bayern die Meisterschaft?

Der Grund für Kehls Prognose: Es ist eine Vorbereitung ohne Testspiele, ohne Wettkampfhärte, ohne Zweikämpfe im Training - und nun mit Spielen ohne Zuschauer. Wahrscheinlich werden diejenigen Vereine, die vor Corona in der sportlichen Krise steckten, die neue Chance zu nutzen versuchen und noch einmal mutig agieren. Andere, die sich in sicheren Gefilden wähnten, könnten an Boden verlieren.

Keine Ausreden mehr

Olaf Seier, 61, einst Kapitän beim 1. FC Union und mit 226 Oberligaspielen in Köpenick längst Kult, sagt: „Ich glaube nicht wie Kehl an Turbulenzen in der Tabelle. Spieler mit der Qualität für die Erste Liga verlieren ihr Ballgefühl nicht nach solch einer Zwangspause. Angst um Union habe ich nicht.“

Das sieht der ehemalige Hertha-Profi Marko Rehmer, 47, ähnlich. „Ob es in der Liga noch größere Verschiebungen gibt, ist reine Spekulation.“ Der einstige Verteidiger bringt einen lustigen Aspekt in die ernste Angelegenheit ein: „Die Spieler hören in den leeren Stadien nun jedes Wort, jede Anweisung des Trainers. Sie können sich nicht mehr rausreden: Trainer, ich habe Sie nicht verstanden!“

Herthas neuer Chef Bruno Labbadia hat einst als Coach des VfB Stuttgart ein Geisterspiel erlebt. 2013 musste der VfB in der Europa League im Stadio Olimpico von Rom (Fassungsvermögen: 73 000) ohne Zuschauer antreten, weil die Uefa Gastgeber Lazio nach rassistischen Vorfällen damit bestrafte. Der VfB unterlag mit 1:3 und schied aus. Dennoch: Nach Labbadias geerdetem Auftritt mit fundierten Aussagen bei seinem Amtsantritt in Berlin habe ich die Hoffnung, dass Hertha in der Tabelle nach oben klettern könnte. Marko Rehmers Urteil: „Der Bruno brennt!“