Jürgen Klinsmann blickt freudig auf ein besonderes Duell mit Lucien Favres Borussia aus Dortmund.
Matthias Koch

Berlin-CharlottenburgFrank Zander, Entertainer mit Reibeisenstimme und Sänger der Hertha-Hymne, hat am Sonnabend einen langen Tag vor sich. Wieder einmal wird er vor einer Riesenkulisse von 74 000 Zuschauern im ausverkauften Olympiastadion das „Nur nach Hause geh’n wir nicht“ live singen und die Ostkurve anheizen. Die wird den neuen Cheftrainer Jürgen Klinsmann, den Weltmeister von 1990, sicher euphorisch begrüßen. „Da ich ein akribischer Arbeiter bin, so wie Klinsmann, mache ich schon um 13.15 Uhr im noch leeren Stadion den Soundcheck“, sagt Zander. Um exakt 15.28 Uhr, zwei Minuten vor dem Anpfiff der Partie Hertha kontra Borussia Dortmund, folgt sein Auftritt. „Ich weiß, dass Klinsmann als Erneuerer gilt, der vieles in Frage stellt“, sagt Zander, 77: „Der Trainer kann den Rasen erneuern lassen, neue Spieler holen, endlich neue Erfolge feiern, aber die Hymne muss bleiben. Da habe ich aber keine Sorge.“ Zander freut sich: „Klinsmann ist eine Rampensau so wie ich. Der bringt Leben in die Bude.“

Auf der Pressekonferenz vor seinem Trainer-Debüt in blau-weißer Kluft am Freitagmittag präsentierte sich Klinsmann als tatendurstiger, aber auch besonnener Fußballlehrer. Er wirkte zudem im ersten Moment ein wenig abgehetzt und erklärte sogleich: „Wir haben die kurze Zeit seit Mittwoch alle intensiv genutzt. Ich hatte wenig Schlaf und war gerade auf dem Laufband.“ Klinsmann, schlank wie einst als Profi, muss sich fithalten. Immerhin jettete er zuletzt viel zwischen seinem Wohnsitz Huntington Beach in Kalifornien und Deutschland hin und her. „Ich lebe mit dem Jetlag.“

"Eine Mega-Aufgabe"

Das Duell gegen Dortmund bezeichnete der 55-Jährige als „Mega-Aufgabe“, denn: „Borussia ist Champions-League-Teilnehmer, aber wir konzentrieren uns nur auf uns. Was beim BVB passiert, geht mich nichts an. Beide Vereine, beide Mannschaften haben ihre speziellen Situationen.“

Das Spiel in der randvollen Arena wird gern als das große Duell zwischen Klinsmann und Favre tituliert. Für Berlins neuen starken Mann ist es der Neubeginn, soll es ein Aufbruch in eine bessere Zukunft für Hertha BSC werden. Für den Schweizer Lucien Favre, 62, könnte es dagegen das Endspiel bei der Borussia sein. Vor dieser Saison hatte die Klubführung des Meisterschafts-Zweiten der Spielzeit 2018/19 das Ziel ausgegeben, deutscher Meister zu werden – mit Favre, der in seinem ersten Jahr in Dortmund viel Lob eingeheimst, aber dann auch einen komfortablen Vorsprung vor dem FC Bayern eingebüßt hatte. Zuletzt überzeugte der BVB nicht. Klinsmann: „Ja, wir haben das Spiel der Borussia in Barcelona am Fernseher angeschaut, aber es liegt nur an uns, wie wir am Sonnabend auftreten.“

Kurios ist folgende Tatsache: Das letzte Spiel des Vereinstrainers Klinsmann im Berliner Olympiastadion – damals war er Coach des FC Bayern – hatte er mit den Münchnern am 14. Februar 2009 bei Hertha BSC 1:2 verloren. Herthas Cheftrainer hieß: Lucien Favre. Zweimal hatte Andrej Woronin für Hertha getroffen. Bayerns Torschütze war Miroslav Klose. Das klingt wie aus einer anderen Welt und so verwunderte es nicht besonders, dass Klinsmann sich nicht erinnern konnte. „Nein, das weiß ich nicht mehr.“ Aber auch Lucien Favre zuckte auf Nachfrage auf der Pressekonferenz der Borussia nur mit den Schultern. Auch bei ihm war die Erinnerung total verblasst, obwohl er mit Hertha damals lange sogar um die Meisterschaft mitspielte, am Ende aber auf Rang vier einkam.

Für Klinsmann kam 29. Spieltag und einer 0:1-Heimniederlage gegen Schalke 04 das Aus beim FC Bayern. Uli Hoeneß sagte später über Klinsmann: „Seine Wünsche wurden nicht erfüllt, sondern übererfüllt. Davon zu reden, er habe nicht durchsetzen können, was er wollte, ist falsch.“ Klinsmanns Karriere als Vereinstrainer hatte einen Knacks bekommen.

Nun soll der Neuanfang eben als Vereinstrainer bei Hertha gelingen. „Alle im Klub sind sehr offen, stehen hinter der Aufgabe, schnell mit der Mannschaft nach oben zu klettern. Es ist viel Euphorie und unglaubliche Energie zu spüren“, schilderte Klinsmann seine ersten Eindrücke. Auch sein Bild vom seinem neuen Team ist „sehr positiv“, doch der Termindruck erst einmal das größte Problem. „Der Profisport lässt kaum Zeit“, sagt er. „Die Spieler hören unglaublich gut zu. Sie wollen ja, sie wollten auch davor. Nur die Ergebnisse haben nicht so gestimmt.“

"Richtige Botschaften"

Gegen Dortmund, versprach Klinsmann, werde man dem Team „richtige Botschaften“ taktischer Natur mitgeben, „aber wir werden sie auch nicht mit zu vielen neuen Informationen überfrachten“. Wichtig sei vor allem die richtige Einstellung und das Engagement. „Mir ist nicht bange“, sagt Klinsmann optimistisch. Natürlich sei die Situation prekär, „aber wir haben ja auch viele gestandene Profis im Team. Wir brauchen Punkte, egal wie.“ Der Chefcoach hofft nun „auf viele mutige Aktionen und auch auf ein schnelles Tor für uns.“ Er habe seine Startelf im Kopf. Richtung Lucien Favre sagte er lächelnd: „Man wünscht eigentlich jedem Trainer-Kollegen nur Siege, aber das geht nicht, wenn zwei aufeinandertreffen. Und Unentschieden haben mir nie gefallen.“

Klinsmann und seine große Trainer-Crew glauben an die große Unterstützung der Fans. Auch Entertainer Frank Zander möchte seinen Beitrag leisten. Bevor er die Hymne anstimmen wird, will er der Ostkurve zurufen: „Leute, es kann nur nach oben gehen. Jetzt hauen wir Dortmund weg!“ Ganz so einfach wird es sicherlich nicht werden.