Klinsmann gibt frei, damit die Profis die Köpfe frei bekommen

Der Coach der Blau-Weißen sieht einen Zusammenhang zwischen der Diskussion um die Rassismus-Vorwürfe von Jordan Torunarigha und dem blamablen 1:3 gegen Mainz.

Berlin-Jürgen Klinsmann schaute weder nach rechts noch nach links. Schnurstraks eilte der Cheftrainer von Hertha BSC nach der 1:3-Niederlage gegen Mainz 05 durch die Mixed-Zone im Olympiastadion Richtung Kabine, kam noch einmal zurück aus der Kabine, um ein TV-Interview zu geben. Dabei kreuzte er beinahe den Weg des Mainzer Helden Robin Quaison, der alle drei Treffer für die Gäste erzielt hatte. Klinsmann lächelte kurz, weil Quaison ein lustiges Bild abgab. Der treffsichere Schwede hatte sich den Spielball als Souvenir gesichert und unter sein Trikot auf den Rücken gepackt.

Hertha-Coach Jürgen Klinsmann hatte schon nach zehn Minuten so eine Ahnung.
Hertha-Coach Jürgen Klinsmann hatte schon nach zehn Minuten so eine Ahnung.

Quaison traf in der 17. und der 82. Minute und in der hektischen Nachspielzeit per Foulelfmeter, der erst nach Ansicht der Videobilder gegeben worden war. Hertha hatte nicht einmal selbst getroffen. Der Mainzer Jeffrey Bruma lenkte einen Kopfball von Abwehrmann Dedryck Boyata ins eigene Netz (84.). Die Enttäuschung unter den Hertha-Fans war riesengroß, weil sie eineinhalb Stunden zuvor mit großen Erwartungen ins Stadion gekommen waren. Der zumindest 75 Minuten lang starke Auftritt der Hertha zuvor bei der bitteren 2:3-Niederlage nach Verlängerung im DFB-Pokal auf Schalke hatte die Hoffnung auf einen Sieg gegen Mainz kräfig geschürt.

Ich habe schon nach zehn Minuten gemerkt, dass die Köpfe meiner Spieler schwer waren. Sie haben kaum antizipiert, haben keine Räume gesehen und keine Wege.

Jürgen Klinsmann

Der Trainer hatte später keine Lust zur Spielanalyse, wolle nicht eingehen auf einzelne Situationen. „Das bringt nichts.“ Seine Erklärung lautete: „Für uns ist das natürlich enttäuschend, aber auch irgendwie nachvollziehbar. Es war eine intensive und hektische Woche. Ich habe schon nach zehn Minuten gemerkt, dass die Köpfe meiner Spieler schwer waren. Sie haben kaum antizipiert, haben keine Räume gesehen und keine Wege. Unsere Stürmer mussten zurückkommen und sich die Bälle holen.“ Klinsmanns erstes Fazit: „Es war alles ein bisschen zu viel zuletzt, was sich in den Tagen abgespielt hat. Das soll keine Entschuldigung sein. Fakt ist: Die Aufarbeitung war noch nicht weg.“

Klinsmann berichtete, er sei in die Kabine gegangen, habe seinen Kapitän Vedad Ibisevic zur Seite genommen und gesagt: „Ich glaube, alle brauchen jetzt zwei Tage frei. Die sollen ihre Köpfe frei bekommen.“ Man sollte schon davon ausgehen, dass die interne Analyse exakter und kritischer ausfallen wird als das öffentliche Statement des Trainers, der sich schützend vor sein Team stellte.

Fans zeigen Flagge

Natürlich war die Aufregung nach dem Pokal-Drama groß, in dem Herthas Abwehrspieler Jordan Torunarigha rassistisch beleidigt worden und er unfreiwillig deutschlandweit zum großen Medienthema geworden war. Vor dem Spiel gegen Mainz zeigten Herthas Fans Flagge und hielten Tausende Flugblätter mit der Nummer 25, der Rückennummer von Torunarigha in die Luft. Auf einem Transparent war zu lesen: „Gemeinsam gegen Rassisten, notfalls mit Getränkekisten“.

Das war eine Anspielung auf die emotionale Aktion des Abwehrmannes, der auf Schalke nach einem bösen Foul an ihm mit einer Getränkekiste geworfen hatte und mit Gelb-Rot vom Platz gestellt worden war. Und auch Herthas Profis malten sich aus Solidarität, je nach Hautfarbe, schwarze oder weiße Streifen auf die Wange, um gegen die Diskriminierung ihres Teamkameraden zu protestieren.

Gellende Pfiffe der Fans

Eigentlich hatten viele Beobachter erwartet, dass die Mannschaft emotional gestärkt aus den aufwühlenden Ereignissen hervorgeht und mit einer „Jetzt-erst-Recht-Stimmung“ ins Spiel gehen würde. Doch das gelang nicht. Dabei hatten die Mainzer durchaus Respekt vor Hertha, wie Trainer Achim Beierlorzer später verriet. „Wir wollten Herthas Spielaufbau stören, denn es hat uns fasziniert, wie Hertha auf Schalke gespielt hat.“

Jordan Torunarigha wollte unbedingt von Beginn an spielen, tat das auch ordentlich und der Stress der zurückliegenden Tage war ihm auf dem Platz nicht anzumerken. Es lag nicht am unfreiwilligen Protagonisten, dass die ersten 45 Minuten zu den schlechtesten gehörten, seitdem Klinsmann Berlins Trainer ist. Zu behäbig und ohne Ideen wirkte das Spiel. Gellende Pfiffe begleiteten die Mannschaft in die Kabine.

Klinsmanns Reaktion zur Pause war drastisch, aber absolut nachvollziehbar. Er nahm die beiden schwächelnden Profis Marko Grujic und Niklas Stark aus dem Team, stellte das System von 3-5-2 auf 4-4-2 um und brachte die beiden Offensivkräfte Dodi Lukebakio und Javairo Dilrosun, die auch mehr Tempo und Wucht erzeugten. Doch trotz der geballten Offensivpower auf dem Rasen mit Krzysztof Piatek, Pascal Köpke (später kam für ihn Vedad Ibisevic), Lukebakio und Dilrosun kamen keine zwingenden Torchancen heraus.

Jetzt kommen enorm wichtige Spiele gegen unmittelbare Konkurrenten. Wir werden nachlegen und die Punkte holen.

Jürgen Klinsmann

„Wir hatten nicht viele Ideen“, klagte später Maximilian Mittelstädt. Und der 23-Millionen-Euro-Mann Piatek sagte: „Ich bin überzeugt, dass wir besser Fußball spielen können und ich dem Team noch mehr helfen kann, als mir das gelungen ist.“

Kurios ist die Tatsache, dass sich Hertha beim Stadtrivalen Union bedanken kann, weil die Köpenicker mit ihren Sieg in Bremen den SV Werder im Abstiegskampf auf Distanz gehalten haben. Klinsmann will nun nach zwei freien Tagen ab Dienstag das Auswärtsspiel gegen Paderborn vorbereiten. „Jetzt kommen enorm wichtige Spiele gegen unmittelbare Konkurrenten“, sagte der Trainer, „wir werden nachlegen und die Punkte holen.“ Das wird nicht einfach werden, denn Paderborn, das ist sicher, hat sich noch lange nicht aufgegeben. Nicht mit dem Trainer Steffen Baumgart.