Berlin/Budapest - Die beiden schätzen sich, ärgern sich aber auch gern mal. So hat Jürgen Klopp erst neulich erzählt, wie er vor vier Jahren nach einem Champions-League-Spiel zwischen dem FC Liverpool und der TSG Hoffenheim in den Katakomben des Stadions an der Anfield Road nach seinem Trainerkollegen Julian Nagelsmann suchte. 4:2 hatten die Reds gewonnen, Klopp wollte Nagelsmann noch mal zum mutigen Auftritt der Kraichgauer gratulieren, fand den jungen Landsmann schließlich in einem kleinen Kämmerchen. Mit seinem Co-Trainer saß der da über seinen Laptop gebeugt, vertieft in der Analyse des soeben zu Ende gegangenen Fußballspiels. Klopp, so berichtete er selbst, störte den Moment, schritt herbei, klappte das Laptop zu und sagte: „Komm, hör auf, es ist eh vorbei. Nach dem Schlusspfiff kann man nicht mehr gewinnen. Das ist meine Erfahrung.“

Am Dienstagabend standen sich die beiden erneut in der Champions League gegenüber. Achtelfinale. Hinspiel. Leipzig gegen Liverpool, Nagelsmann als Chefcoach des Bundesligisten, Klopp noch immer als Trainer des Premier-League-Klubs. Die Partie fand wegen der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Unmöglichkeit, dass die Reds zum Auswärtsspiel nach Deutschland reisen, vor leeren Rängen in Budapest statt. Liverpool siegte durch Tore von Mo Salah (53.) und Sadio Mané (58.) 2:0. Wobei das Nachspiel dank Klopp und Nagelsmann weitaus unterhaltsamer war als das Spiel an sich. Denn die beiden kabbelten sich bis kurz vor Mitternacht auf vergnüglichste Art und Weise bezüglich der Frage, ob der Erfolg der Engländer nun verdient sei oder eben nicht.

Nagelsmann wirkt aufgekratzt

Klopp legte los. „Klar war das verdient“, sagte der 53-Jährige und streute gleich mal den Hinweis ein, seine Mannschaft habe einen Tag weniger zur  Vorbereitung gehabt. „Trotzdem haben die Jungs das super gemacht. Es war schon schön anzuschauen, wie wir es gemacht haben. Ich kenne Leipzig gut und weiß, wie sehr sie physisch eine Mannschaft überwältigen können.“ Taktisch sei das Spiel sehr anspruchsvoll gewesen, aber was auch immer RB versucht habe, „wir hatten auf alles eine Antwort und die meiste Zeit die Kontrolle übers Spiel“.

Nagelsmann, der in der Pressekonferenz noch aufgekratzter wirkte als beim On-Field-Interview mit dem Reporter von DAZN, konterte: „Wenn man gewinnt, hat man ja immer recht. Wir haben uns eine Menge Respekt in den 90 Minuten erarbeitet. Und was ich mitbekommen habe beim Abgang vom Platz, da sind bei den Spielern aus Liverpool nicht die Worte verdienter Sieg gefallen. Wir waren ganz bestimmt nicht schlechter und schon gar nicht zwei Tore.“

Nun, Klopp ist eben nicht nur als Übungsleiter einer Fußballmannschaft, sondern auch im Eins-gegen-Eins mit trotzköpfigen Fachgenossen ein Meister seines Fachs. Er genießt Erfolge gegen Fußballlehrer, denen der Ruf des Taktikgenies vorauseilt, in vollen Zügen. Und er erfährt dadurch eine besondere Genugtuung, weil ihm selbst ja schon mal nachgesagt wird, dass er seine Mannschaften zwar mit unbändiger Energie aufladen, aber eben nicht mit einer spieltaktischen Flexibilität versehen kann. 

Mukiele versucht sich an einer waghalsigen Grätsche

Der 33 Jahre alte Nagelsmann war mit einem unkonventionellen 3-1-4-2-System in das Duell mit dem englischen Meister gestartet, verteidigte diesen Ansatz in der Analyse auch noch einmal vehement, hatte sich nach den beiden Gegentreffern aber zu einer Korrektur gezwungen gesehen. Ohne „echten“ Stürmer war die Not-Innenverteidigung der Reds, bestehend aus Jordan Henderson und Schalke-Leihgabe Ozan Kabak, nicht wie erhofft unter Druck geraten. Und umgekehrt war die Dreierkette der Leipziger – mal abgesehen von Dayot Upamecano – einfach qualitativ nicht gut genug aufgestellt, um die Weltklasse im Sturm des Gegners dauerhaft zu beherrschen.

Siehe Marcel Halstenberg, der sich beim 0:1 unversehens aus seiner Position löste und damit Marcel Sabitzers Fehlpass mit zu verantworten hatte. Siehe Nordi Mukiele, der sich beim 0:2 am Mittelkreis an einer waghalsigen Rettungsaktion versuchte, wild in einen hohen Konterpass grätschte und damit Mané den Spaziergang Richtung Tor ermöglichte. Kurzum: Die Leipziger gingen als verdienter Verlierer vom Platz, weil der eine oder andere aus ihren Reihen letztlich von der eigenen Taktik beziehungsweise von der individuellen Klasse des Gegners überfordert war.

Das Rückspiel ist auf den 10. März terminiert. Anfield Road? „Wir haben keinen Einfluss darauf. Mich würde es auch nicht wundern, wenn wir wieder hierherkommen“, sagte Klopp. Zum Wiedersehen mit Nagelsmann, der dafür in Sachen Taktik Folgendes in Aussicht stellte: „Wir werden da schon was anpassen. Aber auch Jürgen wird sich bestimmt wieder was einfallen lassen.“