„Das Wichtigste ist es Menschen zu inspirieren, damit sie Großes erreichen können“: Kobe Bryant
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BerlinZweite Play-off-Runde, Spiel fünf, die Los Angeles Lakers liegen in der Serie gegen Utah Jazz 1:3 zurück, eine weitere Niederlage würde das Aus bedeuten. Sekunden vor Schluss bekommt ein 18-jähriger Guard der Lakers den Ball, wenn er trifft, gewinnt sein Team. Kurzes Dribbling, Wurf, daneben ohne Korbberührung, ein sogenannter Air Ball.

Es gibt Verlängerung, noch dreimal wirft Kobe Bryant aus der Distanz: Air Ball, Air Ball, Air Ball. Die Lakers verlieren, sind ausgeschieden, nach der Landung in Los Angeles, so will es die Legende, geht Bryant schnurstracks in eine Sporthalle und wirft die ganze Nacht lang auf den Korb. „Das ist der einzige Typ“, sagt Teamkollege Shaquille O’Neal nach der Partie in Salt Lake City, „der den Mut hat, solche Würfe zu nehmen.“

Furchtlosigkeit ist Bryants Markenzeichen

Kobe Bryant spielt zu jener Zeit seine erste Saison in der nordamerikanischen Profiliga NBA. Dass er in der Crunch Time, der entscheidenden Phase der Partie, das Vertrauen von Coach Del Harris bekommt, der dafür anschließend heftig kritisiert wird, liegt am Ausfall wichtiger Führungsspieler. Schon in der folgenden Saison wartet Kobe Bryant nicht mehr auf die Genehmigung des Coaches, er wirft, wenn er will, und er will oft. Egal, ob er trifft oder nicht.

Diese Furchtlosigkeit ist eines der Markenzeichen in Bryants 20-jähriger NBA-Karriere, bis heute ist er der Spieler mit den meisten Fehlwürfen in der Liga. Aber bis zum vergangenen Sonnabend war er mit 33 643 Zählern auch der drittbeste Punktesammler in der Ligageschichte hinter Kareem Abdul-Jabbar und Karl Malone. Dann überholte ihn LeBron James und sprach danach Worte, die wie ein Nachruf klangen, obwohl niemand ahnen konnte, dass Bryant am Vormittag darauf mit acht anderen Personen, darunter seine 13-jährige Tochter Gianna, bei einem Hubschrauberabsturz nahe Los Angeles ums Leben kommen würde.

Es ist surreal, ich bin glücklich, einfach nur in einem Atemzug mit Kobe Bean Bryant genannt zu werden, einem der größten Basketballspieler, die es je gab, einem der größten Lakers-Spieler aller Zeiten.

LeBron James

James sagte: „Es ist surreal, ich bin glücklich, einfach nur in einem Atemzug mit Kobe Bean Bryant genannt zu werden, einem der größten Basketballspieler, die es je gab, einem der größten Lakers-Spieler aller Zeiten. Er ist jemand, zu dem ich aufgeschaut habe, als ich zur Schule ging.“ Das hat LeBron James mit vielen Profis gemein, die heute in der NBA spielen.

Bryan prägte die Ära nach Michael Jordan mit

Sie bewunderten den eleganten, athletischen, egozentrischen Bryant der ersten Karrierehälfte, der sich nicht groß darum scherte, was andere von ihm dachten. Und sie bewunderten den milderen, kollegialeren, freundlichen Bryant der späteren Jahre, der immer noch zu atemberaubenden Aktionen in der Lage war.

Zusammen mit Dirk Nowitzki und Tim Duncan prägte Kobe Bryant die Ära nach Michael Jordan, den er seinerseits bewunderte und von dem er sich eine Menge abgeschaut hatte, und bevor Leute wie James, Kevin Durant, Stephen Curry oder James Harden zu den Protagonisten in der NBA wurden. Es war eine Zeit des Übergangs, zunehmend kamen sehr junge Spieler in die Liga, nicht zuletzt dem Beispiel Bryants folgend.

Profis aus Europa und von anderen Kontinenten strömten in die NBA, die internationale Vormachtstellung der USA ging verloren, 2004 bei den Olympischen Spielen in Athen gab es, ohne Bryant, nur Bronze statt der üblichen Goldmedaille. Klubwechsel von Topspielern kamen in Mode, oft getrieben von persönlichen Sympathien, undenkbar bei Michael Jordan, Magic Johnson oder Larry Bird, die ihre Rivalität genossen.

Schwierige Kooperation mit O'Neal

Nowitzki, Duncan und Bryant, die alle ihre gesamte Karriere beim selben Team blieben, wirkten wie stabilisierende Pfeiler. Sie modernisierten das Spiel, verkörperten aber auch traditionelle Werte. Duncan und Nowitzki auf ruhige und bodenständige Art, Bryant, der sich selbst den Spitznamen „Schwarze Mamba“ zulegte, polarisierend und spektakulär. „Love Me Or Hate Me“, hieß einer seiner Werbespots.

Schon sein Einstieg in die NBA sorgte für Zwist. In Philadelphia geboren, als Sohn eines Basketballprofis teilweise in Italien aufgewachsen, war der von seinen Eltern nach einer Fleischsorte und einer Süßigkeit (der Spitzname seine Vaters war Jellybean) benannte Kobe Bean Bryant der erste Guard, der direkt von der High School in die NBA kam, statt brav ein paar Jahre College zu absolvieren. Vielen Lakers-Fans gefiel es nicht, dass für den im Draft 1996 als Nummer 13 von den Charlotte Hornets gewählten und dann zu den Lakers transferierten Jüngling im Tausch der beliebte Center Vlade Divac gehen musste.

Brillantes, aber schwieriges Duo: Kobe Bryant und Shaquille O'Neal.
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Gleichzeitig mit Bryant hatten die Lakers Shaquille O’Neal von den Orlando Magic geholt, doch die Kooperation der beiden war von Beginn an problembelastet. Der immer topfitte Perfektionist Bryant fühlte sich zum Anführer berufen, ihm missfiel die Dominanz des Centers und auch dessen gelegentlich lockere Einstellung, was Training und Gewichtskontrolle betraf. Erst Coach Phil Jackson, zuvor sechsmal Champion mit Jordans Chicago Bulls, gelang es, die beiden Streithähne zum effektiven Zusammenspiel zu bewegen, die Folge waren drei Meisterschaften von 2000 bis 2002. Danach trennten sich die Wege, erst O’Neal, dann Jackson verließ die Lakers, und der Coach bezeichnete Bryant in einem Buch als „untrainierbar“.

Zäsur wegen eines Vergewaltigungsvorwurfs

Eine Zäsur in seiner Karriere kam 2003 mit der Verhaftung und dem Vergewaltigungsprozess in Colorado, wegen dem er nicht nur viele Sponsorenverträge verlor, sondern auch Olympia 2004 verpasste. Eine Strafe blieb ihm erspart, weil die Klägerin im Prozess nicht mehr aussagen wollte, nachdem sie Bryants hoch bezahltes Anwaltsteam mit eigentlich illegalen Indiskretionen und persönlichen Attacken unter Druck gesetzt hatte. Eine Zivilklage wurde später außergerichtlich beigelegt, Bryant entschuldigte sich per Brief bei der betroffenen Frau, beharrte aber darauf, an einvernehmlichen Sex geglaubt zu haben. Erneute Proteste gegen Bryant gab es diesbezüglich, als er ausgerechnet bei der ganz im Zeichen von MeToo stehende Oscarverleihung 2018 den Academy Award für seinen Animationskurzfilm „Dear Basketball“ gewann.

Die Vergewaltigungsklage fügte Bryants Image schweren Schaden zu, aber schon vorher war er ein wegen seines phänomenalen Spiels zwar respektierter, jedoch nicht überall beliebter Spieler gewesen. Vor allem in seiner Heimatstadt Philadelphia, aber auch andernorts wurde er regelmäßig ausgebuht, was ihn nicht störte, sondern beflügelte. Er liebte es, eine feindselige Menge mit seinen Aktionen auf dem Spielfeld zum Schweigen und zum Staunen zu bringen. Bryants egoistisches Spiel vergrätzte auch Teamkollegen, bei den Lakers und gelegentlich beim All Star Game, wo er 18 Mal teilnahm.

Trotz aller Vorbehalte kehrte Phil Jackson 2005 als Trainer zu den Lakers zurück und fand auf einmal einen trainierbaren Bryant vor. Früher, so Jackson, hätte dieser seine Mitspieler als „persönliche Speerträger“ betrachtet, nun sähe er sie als Partner. Fortan betätigte sich Kobe Bryant auch verstärkt als Vorbereiter und Passgeber, seine ohnehin vorbildliche Defense intensivierte er noch, jungen Spielern half er als Mentor. Was ihn nicht daran hinderte, im Januar 2006 gegen die Toronto Raptors 81 Punkte zum 122:104-Sieg beizusteuern. Nur Wilt Chamberlain hatte in seinem legendären 100-Punkte-Match mehr geschafft, aber das war 1962, in einer anderen Basketball-Ära.

Rücktritt 2016

Sukzessive eroberte sich Kobe Bryant die Sympathien der Fans, war 2008 in Peking ebenso wie 2012 in London ein wichtiger Faktor bei den Olympiasiegen des US-Teams und führte die Los Angeles Lakers als nunmehr unumschränkter Leader zu zwei weiteren Titeln 2009 und 2010. Zuvor wurde er 2008 zum Most Valuable Player (MVP) der NBA-Saison gewählt, zum ersten und einzigen Male, was viel über die Vorbehalte gegenüber dem lange Zeit besten Akteur der Liga aussagt.

Nach dem Titelgewinn 2010 war das zunehmend chaotische Management der Los Angeles Lakers nicht mehr in der Lage, Bryant ein konkurrenzfähiges Team für den Titelkampf an die Seite zu stellen. Zudem plagten ihn Knieprobleme, 2012 riss dann im Spiel gegen die Golden State Warriors seine Achillessehne, wonach er typischerweise schnell noch zwei Freiwürfe verwandelte, bevor er das Feld verließ. Die Lakers-Fans begannen zu grummeln, als er von 2013 bis 2015 wegen Verletzungen wenig spielte, aber mit seinem Zweijahresvertrag über fast 50 Millionen Dollar einen beachtlichen Teil der Gehaltssumme des Teams blockierte.

Die Saison 2015/16 sollte dann seine letzte sein, und sie geriet zur rauschenden Abschiedstournee, obwohl er sich Ehrungen und Zeremonien in fremden Hallen verbeten hatte. Wo man ihn einst inbrünstig ausgebuht und beleidigt hatte, wurde er jetzt gefeiert, was ihn sichtlich wunderte und irritierte, ihm aber auch guttat. Mit 60 Punkten gegen Utah Jazz beendete er am 13. April 2016 mit 37 Jahren seine Karriere, danach blieb er seinem Sport verbunden, etwa mit einer eigenen Fernsehsendung und seiner Basketballschule „Mamba Academy“.

Dorthin war er am Sonntagmorgen unterwegs, als der Hubschrauber mit seinen neun Insassen im Nebel gegen eine Bergwand prallte. Kobe Bryant wurde 41 Jahre alt.