BerlinDie nahe Zukunft erscheint grau und trist. Leere Ränge im riesigen Olympiastadion bei den nächsten Heimspielen, keine Reporter beim Training von Bruno Labbadia auf dem Schenckendorffplatz im Monat November, keine Gruppenerlebnisse für die Blau-Weißen Anhänger, die nun sogar auf das gemeinsame Schauen der Spiele am Fernseher bei einem Bier in der Kneipe verzichten müssen. Das erscheint wie die Höchststrafe.

Soziale Kontakte müssen in Zeiten der steigenden Infektionszahlen wegen des unsäglichen Corona-Virus arg eingeschränkt werden. Das trifft die gesamte Gesellschaft und natürlich auch den Fußball.

Die Entzugserscheinungen sind kleiner als gedacht

Die strengen Maßnahmen sind verständlich und angebracht. Sie in allen Facetten zu akzeptieren, fällt manchmal schwer. Die Distanz zwischen Fußball-Berichterstattern und den Akteuren auf dem Platz sowie zwischen den Fans und ihren Lieblingen wird wieder zwangsläufig größer werden. Letzteres war auch bei Hertha zu beobachten, als es vor dem Heimspiel gegen den VfB Stuttgart, wo noch knapp 4000 Zuschauer zugelassen waren, kein Run auf die Tickets einsetzte und die Entzugserscheinungen der Fans nicht so groß waren wie vielleicht erwartet.

Bei der Außendarstellung des Klubs versucht Herthas Pressechef Max Jung erneut wie schon im März/April alle möglichen Instrumente einzusetzen, um den Kontakt zwischen Reportern und den Protagonisten auf dem Rasen aufrechtzuerhalten. Es gibt zahlreiche Frage-Antwort-Runden per Skype, virtuelle Pressekonferenzen oder die Möglichkeit, per WhatsApp Fragen zu stellen.

Diese virtuelle Kommunikation – im Moment unglaublich wichtig – ersetzt aber nicht annähernd den direkten Kontakt von Journalisten mit den Profis oder den Trainern, den ich immer für wichtig hielt. Der Abstand ist natürlich schon lange vor Corona gewachsen, als aus Fußballvereinen große Wirtschaftsunternehmen wurden und vor allem, als die sozialen Medien ihren Siegeszug antraten. Die Spieler sind gläsern geworden, ziehen sich deshalb zurück und senden ihre eigenen Botschaften per Facebook, Twitter oder Instagram nach außen. Und die Klubs unterhalten immer mehr eigene Kanäle, über die sie ihre Sichtweise kommunizieren. Das Coronavirus ist nicht schuld an dieser Entwicklung, tritt aber aus meiner Sicht als eine Art „Brandbeschleuniger“ auf.

Ich selbst habe Gott sei Dank noch die für Hertha-Reporter paradiesischen Zeiten erlebt, als man während der Trainingslager im Sommer oder im Winter noch mit der Mannschaft unter einem Dach wohnte und schon nach dem Frühstück seine erste Story im Block hatte. Auch während der aufregenden Zeit, als das Team in der Champions League spielte, konnte man hautnah dabei sein. Das war oft sehr emotional. Das ist alles sehr lange her und klingt sicherlich nach viel Nostalgie, was es auch ist.

Schwer aber haben es vor allem die Fans, deren Leben sich oft zu großen Teilen um den Fußball drehte. Heimspielbesuche, Auswärtsfahrten, Diskussionen am Stammtisch. Den Besuch von Geisterspielen oder Duellen mit ganz wenigen Zuschauern lehnen viele Anhänger ab. Knut Beyer, seit über 50 Jahren Hertha-Fan und federführend bei Aktionen wie „Rettet die Hertha-Kneipen“ oder der Initiative „Blau-Weißes Stadion“ sagte mir nun: „Unter den jetzigen Bedingungen gehe ich nicht mehr ins Stadion! Wenn man zuletzt Glück hatte und zum Heimspiel durfte, konnte man nicht gemeinsam mit Kumpels jubeln, singen oder sich ärgern. Alles blieb ohne Emotionen.“ Der 59-Jährige hat die Radioreportage für sich wiederentdeckt. „Dort sieht man nicht die leeren Ränge, die triste Atmosphäre und die Reporter lassen manchmal die Illusion aufleben, es sei alles wie früher.“ Ob es das jemals wieder geben wird? Ich hoffe es sehr.