Niklas Stark kehrt am Sonnabend in Wolfsburg in die Stammelf zurück. 
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BerlinIch kann mir gut vorstellen, dass Niklas Stark im Moment viele Träume hat. Bundestrainer Jogi Löw wird dort auftauchen – mal freundlich, mal streng – dazu einige Nationalspieler und bestimmt noch sehr verschwommene Bilder von der EM im kommenden Sommer. Die ist ja das große Ziel des 24 Jahre alten Profis von Hertha BSC. Solche Träume sind erlaubt.

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Hertha-Kenner

Michael Jahn begleitet seit mehr als zwei Jahrzehnten den Berliner Fußball-Bundesligisten Hertha BSC. Immer mittwochs gibt er in dieser Kolumne seine Expertise zu der Mannschaft, dem Klub und seinem Umfeld ab.

Seit dem 2:1-Sieg der Hertha am zurückliegenden Wochenende in Wolfsburg haben sich seine Chancen auf eine Berufung für das Championat leicht verbessert. Nach Wochen als Reservist rückte er in die Mannschaft, konnte sich endlich wieder zeigen. Sollte Stark in den Kreis der EM-Spieler aufgenommen werden, würde das nebenbei auch das Image seines Arbeitgebers aufpolieren. Denn: Hertha BSC ist in seiner über 127 Jahre alten Geschichte nicht als sprudelnder Quell deutscher Nationalspieler aufgefallen. Seit dem 4. April 1909, als Herbert Hirth und Fritz Schulz bei einem 3:3 in Budapest gegen Ungarn für Deutschland spielten, bis zum 19. November 2019, als Stark zu seinem Länderspiel-Debüt gegen Nordirland kam, gab es 223 Berufungen für Hertha in die Auswahl, die sich auf 28 Spieler verteilen.

Stark erhält Lob von Klinsmann

Nach dem Sieg in Wolfsburg lobte Trainer Jürgen Klinsmann seinen Verteidiger: „Niklas hat das klasse gemacht.“ Ich gehe mal davon aus, dass diese Worte Balsam auf die Seele von Stark waren, der durch seine Pleiten, Pech und Pannen der zurückliegenden Monate uns Journalisten immer wieder zu Wortspielen animierte („Stark mit schwachem Auftritt“ oder „Dieser Stark ist nichts für schwache Nerven“).  Sein Weg zum Nationalspieler war ein Besonderer. Immerhin ist er derjenige Feldspieler, der in der Ära von Jogi Löw am längsten auf sein Debüt warten musste. Acht Einsätze verpasste er. Ein paar Mal drückte er die Bank, einmal kam eine Magen-Darm-Grippe dazwischen, später schnitt er sich in der Nacht im Teamhotel an einem Glastisch das Schienbein auf. Sein bislang einziges Länderspiel bestritt er mit Maske nach einem Nasenbeinbruch.

Aber es gibt auch andere Beispiele, wie man als Herthaner zum Nationalspieler wird. Arne Friedrich, im Moment als Performance Manager bei Hertha unterwegs, ist der krasse Gegenpol zu Stark. Als Friedrich 2002 vom Zweitligisten Arminia Bielefeld zur Hertha kam, absolvierte er gerade einmal zwei Bundesligaspiele, als ihn der Ruf von DFB-Teamchef Rudi Völler ereilte. Vier Tage nach seinem zweiten Erstligaeinsatz debütierte der Abwehrmann im Länderspiel gegen Bulgarien in Sofia (2:2). Heute ist Arne mit 82 Länderspielen der erfolgreichste Herthaner. Auf Platz drei hinter Marko Rehmer (28 Länderspiele als Hertha-Profi) steht Erich Beer mit 24 Länderspielen.

Klub-Legende Beer rechtfertigt sich

Klub-Ikone Beer war einst unzufrieden, wie man seine Karriere im DFB-Trikot bewertete. Manch Beobachter reduzierte sie oft auf die berühmte „Schmach von Cordoba“. Als sich Deutschland bei der WM 1978 in Argentinien gegen Österreich blamierte, wurde Beer aber nach 45 Minuten gegen Hansi Müller ausgewechselt. „Als ich bis zur Pause noch auf dem Platz stand, führten wir mit 1:0“, entgegnete Beer all seinen Kritikern. Ein perfekter Konter.

Beer, so erzählte er mir, verfolgt die Karriere von Niklas Stark sehr aufmerksam. Beide stammen schließlich aus Franken. „Da kommen oft gute Spieler her“, sagt Beer, heute 73, stolz. Wie er gönne auch ich Herthas Vize-Kapitän das Erlebnis EM sehr. Es wäre dann wirklich ein ganz starkes Stück!