Marius Bülter erzielt das 2:0 für die Eisernen bei Werder Bremen.
Foto: Matthias Koch

BerlinManchmal ist es schwer, ein Fußball-Romantiker zu bleiben. Seit meiner Jugend, genau seit dem 30. Juli 1966, kämpfe ich immer mal wieder mit mir. Technische Hilfsmittel für den Schiedsrichter spielten damals noch keinerlei Rolle. Selbst die Einführung Gelber und Roter Karten lag noch Jahre in der Zukunft. Von kalibrierten Abseitslinien ganz zu schweigen, zumal gleiche Höhe damals klares Abseits war.

Andererseits wäre der Fußball, speziell der deutsche und der englische, um eine seiner größten Legenden ärmer, nämlich um das Wembley-Tor. Hätte es damals schon das Hawk-Eye gegeben, die Torlinientechnologie, wäre das 3:2 von Geoffrey Hurst im WM-Endspiel in London nicht als Tor anerkannt worden. Dabei wäre allerdings auch ich um eine spannende Literatur gekommen, vom vielen Blättern leidlich ramponiert, um ein Sonderheft, in einem Münchner Verlag mit dem Titel erschienen: Das Tor des Jahrhunderts. Auf 120 Seiten wird erläutert, bebildert und ein klein wenig auch spekuliert, warum dieses Tor kein Tor gewesen ist und auch nicht gewesen sein kann.

Marius Bülter weckt Erinnerungen an Wembley

An diese Broschüre und an dieses Tor (besser: Nicht-Tor) musste ich denken, als Marius Bülter in Bremen das 2:0 erzielte. Natürlich war der Ball drin, natürlich ist es ein klasse Tor gewesen, zumal in vielerlei Hinsicht. Erstens hat Bülter nach seinem exzellenten Flügellauf den Ball so präzise in den Fuß von Sebastian Andersson   wie zuvor schon beim 1:0 Christopher Lenz auf den Ex-Magdeburger. Zweitens hat Bülter bei diesem 2:0 die Kugel direkt genommen, was mir beim heutigen häufigen Ballgeschiebe oft ein wenig zu kurz kommt. Unions nunmehriger sechsmaliger Saisontorschütze hat vor allem auch Mut gezeigt, schließlich war der Winkel verdammt spitz und die Zeit ziemlich knapp. Bedenken, der Ball könnte nicht hinter der Linie gewesen sein, hatte ich zu keiner Sekunde. Aber wie sehen es die anderen? Irgendwie schauen die Spieler heutzutage lieber einmal mehr zum Schiedsrichter als einmal zu wenig. Für den Kollegen Daniel Schlager, den 23. Mann an der Weser, war das eine klare Sache. Danke, Hawk-eye!

Foto: Berliner Zeitung
Union-Kenner

Andreas Baingo begleitet seit mehr als vier Jahrzehnten das Geschehen rund um den 1. FC Union. Für die Eisernen war er sogar selbst einmal am Ball. Immer mittwochs gibt er nun seine Expertise zu dem Fußball-Bundesligsten ab.

Was nämlich hat es vor Erfindung des Tor-Auges für komische, ja geradezu lächerliche Entscheidungen gegeben. Im WM-Achtelfinale 2010 erzielen die Engländer einen so deutlichen Treffer gegen Deutschland, dass selbst Manuel Neuer die Spucke hätte wegbleiben müssen. Warum das Tor von Frank Lampard – es wäre (nee, es ist!) das 2:2 und den 4:1-Sieg der DFB-Elf hätte es so nie geben dürfen – nicht zählt und Witzbolde im Internet einen meterlangen Zacken nach hinten in die Torlinie montieren, bleibt ebenso rätselhaft wie das Wembley-Tor. Erst jüngst bekamen die Spieler von Arminia Bielefeld dicke Hälse, weil sie beim 0:0 im Zweitligaspiel beim FC Erzgebirge einen Ball im gegnerischen Tor wähnten, es in Aue zwar den Videobeweis, nicht aber die Torlinientechnologie gibt. Bei Arminia geht es nicht um den WM-Titel, aber, wichtig genug, um den Aufstieg.

Tor oder nicht Tor, um kurz mal Hamlet zu streifen, bleibt im Fußball die größte aller Fragen. Andererseits hätten in Bremen alle, die es mit den Eisernen halten, Sebastian Andersson gegönnt, nach acht Buden aus der Hinrunde endlich mal wieder eine draufzupacken. Dann aber hätte es dieses grandiose zweite Tor nicht in dieser ganz speziellen und spektakulären Weise gegeben.