Kommentar: Darum sind die Tage von Reinhard Grindel als DFB-Chef gezählt

Dass es mit dem Arbeitsklima im größten deutschen Sportverband nicht zum allerbesten bestellt ist, hat sich in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise herumgesprochen. Wer es nicht glaubt, muss nur mal in der Kantine vom hessischen Landessportbund zwei Hausnummern weiter zum Mittagessen gehen. Hierher spazieren viele der mehr als 400 Mitarbeiter vom Deutschen Fußball-Bund (DFB), und oft wird schon auf der engen Zufahrtsstraße im Stadtwald   munter gelästert und gescherzt. Wie in jeder anderen Firma auch, wo viele nicht mit dem Chef können.

Ein Wort, das die Runde machen soll, heißt „Grindeln“. Damit ist das ansatzlose Zusammenstauchen von Mitarbeitern gemeint. Frühere ZDF-Angestellte aus dem Studio Brüssel können ein Lied von teils jähzornigen Anfällen des gelernten Journalisten Reinhard Grindel berichten, auch früher im Bundestag soll es genügend CDU-Parteigenossen geben, die diese aufbrausende Seite des im April 2016 zum Präsidenten des DFB   avancierten Politikers kennengelernt haben.

Wenig Wissen über die Fans

Die Gefahr ist groß, dass es in dieser Woche nun in den verschlungenen Gängen in der DFB-Zentrale so viel „grindelt“ wie lange nicht mehr. Wenn sich nämlich der Boss   auf die Suche macht, wer ihm mit der Veröffentlichung des E-Mail-Verkehrs mit seinem Vize Rainer Koch und seinem Generalsekretär Friedrich Curtius ziemlich übel mitgespielt hat.

Allein die Tonalität des schriftlichen Dialogs mit dem mächtigen bayrischen Landesfürsten und Amateurvertreter Koch wirkt befremdlich. Überdies zeugt Grindels Einschätzung der Frankfurter Fanszene von groben Wissenslücken, die im Hinblick auf den abgebrochenen Fandialog langfristig gemeingefährlich sind.

Neue Schützengräben

Es wirkt geradezu grotesk, dass Koch in den vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel verbreiteten E-Mails sogar Grindel noch warnte, dass „insbesondere gegen dich persönlich“ Stimmung gemacht werden könne, sollte rauskommen, dass der Länderspielort Frankfurt wegen der Ultras abgelehnt worden sei. Es bleibe nichts geheim, schrieb Koch, Grindel antwortete, dass halte er für abwegig. Typischer Fall von Trugschluss: Nichts ist unmöglich in diesem Tollhaus, wo   nach der WM eine Reihe von Schützengräben ausgehoben worden sind, in denen gelauert wird.

Mittlerweile ist klar, wen sie zur Strecke bringen sollen. Nämlich ein bis heute mit dem Metier fremdelnden DFB-Oberhaupt, das sich bei der Vermischung von Sport und Politik, bei der Ämterhäufung mit kaum zueinander passenden Aufgaben beim Kontinentalverband (Uefa) und der Weltorganisation (Fifa)   verhoben hat. Und der nach außen und innen viele Irritationen hinterlässt.

Ruhe bis die EM 2024 vergeben ist

Es würde kaum verwundern, wenn der Laden mühsam nur noch bis Ende September zusammenhält, bis der DFB die Euro 2024 bekommen hat. Dann tritt der Präsident aus freien Stücken zurück, begründet das mit seinen gesundheitlichen Problemen – und der Verband beruft mal wieder einen außerordentlichen Bundestag ein. Darin ist er übrigens   bestens geübt. Danach muss sich zumindest niemand mehr vor einem „Grindeln“ fürchten.