Vor einiger Zeit gab es einmal eine Erhebung, die zeigt, wie das durchschnittliche Hertha-Vereinsmitglied beschaffen ist, wobei durchschnittlich nicht negativ gemeint ist. Das typische Hertha-Mitglied wohnt laut Statistik zuvorderst in Tempelhof-Schöneberg, ist Anfang bis Mitte 30, männlich und seit etwa fünf Jahren eingetragen beim Hauptstadtklub. Seit Montagabend kann man noch eine Eigenschaft hinzufügen: Herthas Anhang  liebt die absolute Kontinuität im Führungszirkel, setzt vor allem auf Altbewährtes. Neuerungen personeller Art steht das Hertha-Mitglied eher skeptisch und zurückhaltend gegenüber.

Die Neuwahlen des Präsidiums ergaben nämlich, dass sämtliche Amtsinhaber, die seit 2012 dem wichtigen Gremium angehörten, auch erneut das Vertrauen bekamen. Und das meist mit großer Mehrheit. Solch Ergebnis ist in der Fußball-Bundesliga, wo Eitelkeiten in den Führungsetagen eine große Rolle spielen, sicher einmalig und spricht in erster Linie für die Gewählten.
Als am späten Montagabend die Stimmen ausgezählt waren und es zuerst um die Frage ging, mit welchem Zuspruch Werner Gegenbauer, der alte und neue Präsident von Hertha BSC, im Jahr 2016 rechnen konnte, gab es ein überaus starkes Bekenntnis zum Berliner Unternehmer. 911 Vereinsmitglieder stimmten für den 65-Jährigen, 100 mit Nein und 83 enthielten sich der Stimme. Das sind satte 83,27 Prozent an Ja-Stimmen, mit denen Gegenbauer in seine dritte Amtszeit bis 2020 geht. Alle Achtung!

Mit ruhiger Hand

Es ist das bislang beste Wahlergebnis, das Herthas Spitzenfunktionär, der mit ruhiger Hand, aber auch mit Bestimmtheit den Verein führt, erzielt hat. Der sportliche Erfolg in dieser Saison, die wirtschaftliche Stabilisierung in den vergangenen Jahren mit dem nun ersten Etat über 100 Millionen Euro für 2016/17, die Einigung mit dem Senat in der Stadionfrage und auch die ganz frische Meldung, dass Herthas gleichnamiges Gründungsschiff, das in Wusterhausen/Dosse  über die Gewässer schippert, zurück nach Berlin geholt werden wird, sprachen unter anderem für die bewährten Präsiden. Sie besaßen einen Bonus.
Von den vier neuen Kandidaten, die in den Führungszirkel strebten, schaffte es nur ein Bewerber. Rechtsanwalt Fabian Drescher kam authentisch und bodenständig daher. Das wurde honoriert. Vor allem der Anwalt Jörg Neubauer, einst Krösus unter den deutschen Spielerberatern, der seine Karriere als „klassischer Berater“ im Vorfeld der Wahlen für beendet erklärt hatte, und der Medienunternehmer Oliver Dunk hatten es schwer. Neubauer konnte den Verdacht auf mögliche Interessenkonflikte nicht endgültig zerstreuen und Radio-Mann Dunk wurde vorgeworfen, bis 2011 im Präsidium von Babelsberg 03 aktiv gewesen zu sein. Das erscheint kleinlich, und auch das internationale Netzwerk von Neubauer hätte Hertha vielleicht gutgetan. Oliver Dunk nahm es sportlich: „Die Kontinuität hat gesiegt. Das ist auch in Ordnung!“ Typisch Hertha-Mitglied!