Leon Draisaitl ist Deutschlands bester Eishockeyspieler, ein Star in der nordamerikanischen Profiliga NHL. Seit dieser WM ist der 23 Jahre alte Stürmer der Edmonton Oilers aber nun auch der Anführer der deutschen Nationalmannschaft – eine Rolle, die er bislang trotz seines Talents noch nicht wie gewünscht ausfüllen konnte.

Nach einer überragenden NHL-Hauptrunde, die dennoch nicht reichte, um sein Team in die Play-offs zu führen, merkte man dem gebürtigen Kölner von Beginn dieses Turniers an, dass er seine Rolle als einer der Besten im Welt-Eishockey auch in der Slowakei spielen will und kann. Gegen Teams wie Großbritannien (3:1), Dänemark (2:1) und Frankreich (4:1), die es bei einer WM unbedingt zu schlagen gilt, konnte er sich noch zurückhalten. Dafür offenbarte er gegen die Slowakei genau die Brillanz, die es in einem solchen Schlüsselspiel braucht.

Deutschland steht kurz vor Olympia 2022

Eine halbe Minute war in diesem aufregenden Matchl noch zu bestreiten, als Frederik Tiffels den Puck zu Draisaitl spielte. Der zog auf der rechten Seite in Richtung slowakisches Tor, wägte ab, ob er passen oder schießen soll, und versenkte die Scheibe. Er sagte anschließend: „Ich habe in dem ganzen Spiel nichts wirklich Gutes hinbekommen. Da habe ich gedacht: Eine gute Aktion muss ich noch zustande bringen.“ Mit diesem 3:2, 27 Sekunden vor dem Ende, machte Draisaitl den Einzug ins Viertelfinale so gut wie perfekt. Der gleichbedeutend wäre mit der Qualifikation für die Olympischen Spiele 2022.

Dass die deutsche Mannschaft nach einer starken Heim-WM 2017 und Olympiasilber 2018 nun schon das nächste Achtungszeichen setzt, geht natürlich über einzelne Charaktere hinaus. Deutschland wird als Eishockeynation ernstgenommen. Überzeugende Auftritte wie jetzt in Kosice sind kein Zufall, sondern das Resultat der Professionalisierung. Die Zahl der Trainer hat sich erhöht, es steht mehr Geld für Trainingslager und Infrastruktur zur Verfügung. Im Bereich der Sponsoren und des Marketings waren die Zahlen im vergangenen Jahr so gut wie nie. 

Zahlreiche Talente 

Der Aufwärtstrend offenbart sich nicht nur jetzt bei der WM der Profis. Im vergangenen Dezember stieg die U20 in die Top-Division auf, im April gelang das auch der U18. Es ist längst kein Geheimnis, dass es ein solides Fundament braucht, um frühzeitig spätere Führungsspieler zu formen.

Gerade bei solchen Turnieren tummeln sich auch die Späher der Topklubs aus Nordamerika, um die Talente anzulocken. Und es ist offensichtlich, dass Eishockey made in Germany immer beliebter wird. Im Schatten von Leon Draisaitl gibt es jede Menge Talente, die sich Hoffnungen auf eine Karriere in der NHL machen dürfen. Dominik Bokk wurde zwar überraschend aus dem WM-Kader gestrichen, dürfte aber bald den Sprung nach Übersee schaffen, nachdem er vergangenes Jahr von den St. Louis Blues in der ersten Runde des Drafts ausgewählt wurde. Mit 19 Jahren zählt er bereits zur Stammkraft in der schwedischen Liga, die als beste in Westeuropa gilt.

Gewinnbringendes Gemeinschaftsgefühl

Ähnlich hoch gehandelt wird Verteidiger Moritz Seider. Der 18 Jahre alte Verteidiger der Adler Mannheim dürfte beim Draft in diesem Jahr ebenfalls sehr früh verpflichtet werden. Bei dieser WM betreibt der Deutsche Meister auch beste Eigenwerbung. Er schoss zwei Tore, verteidigt routiniert. Bleibt nur zu hoffen, dass der brutale Check im Slowakeispiel folgenlos bleibt. Und auch Lean Bergmann, 20, dürfte nicht allzu lange bei seinem neuen Arbeitgeber Mannheim bleiben, sondern nach Ausbildungsjahren in Übersee bald wieder in Richtung Nordamerika aufbrechen.

Gewinnbringend für das deutsche Eishockey ist aber vor allem auch das entstandene Gemeinschaftsgefühl. Jeder deutsche Eishockeyprofi ist wieder stolz, nach einer langen DEL-Saison das Nationaltrikot überzustreifen. Jeder opfert sich für den Kollegen auf, wirft sich in die Schussbahn. So lässt sich auch ein Gegner wie die Slowakei schlagen, die mit sechs NHL-Profis doppelt so viele Akteure aus der besten Liga der Welt aufbieten konnten. Und dann gibt es eben noch einen Leon Draisaitl, der für den besonderen Moment sorgen kann.